Mark Rowlands: Was ein Wolf mir offenbarte!

„Warum bin ich hier? Nach vier Milliarden Jahren blinder und gedankenloser Entwicklung hat das Universum mich hervorgebracht. War ich der Mühe wert? Ich habe ernsthafte Zweifel, aber ich bin hier, um trotzdem >Scheiß drauf!< zu sagen, wenn die Götter mir keine Hoffnung bieten, wenn Zerberus, der Höllenhund, mich am Hals auf den Boden drückt. Nicht meine glücklichen Momente, sondern solche wie diese sind, wie ich nun weiß, meine höchsten Momente, denn sie sind die wichtigsten. Und sie sind wichtig um dessentwillen, was sie durch sich selbst sind, nicht wegen einer angeblichen Rolle, die sie für die Bestimmung meiner Identität spielen. wenn ich überhaupt der Mühe wert bin – wenn ich ein lohnenswertes Ding für das Universum bin -, dann sind es diese Momente, die mich dazu machen.


Und all das ist mir also vermutlich durch einen Wolf offenbart worden.


Er war das Licht, und ich konnte mich in dem Schatten sehen, den er warf. Was ich lernte, war im Grunde die Antithese der Religion. Religion verlässt sich immer auf Hoffnung. Als Christ oder Muslim hegt man die Hoffnung, des Himmels wert zu sein. Als Buddhist hofft man, vom großen Rad des Lebens und Todes befreit zu werden und das Nirwana zu erreichen. In den judäochristlichen Religionen wird die Hoffnung sogar zu einer Primärtugend erhoben und Glaube genannt.


Hoffnung ist die Gebrauchtwarenverkäuferin der menschlichen Existenz: sehr freundlich, sehr überzeugend. Aber man kann sich nicht auf sie verlassen. Das Wichtigste in unserem Leben ist das ICH, das zurückbleibt, wenn die Hoffnung versiegt. Am Ende wird die Zeit uns alles rauben. Alles, was wir durch Begabung, Fleiß und Glück erworben haben, wird uns weggenommen werden. Die Zeit reißt unsere Kraft, unsere Sehnsüchte, unsere Ziele, unsere Projekte, unsere Zukunft unser Glück und sogar unsere Hoffnung an sich. Alles, was wir haben, alles, was wir besitzen können, wird die Zeit uns wegnehmen. Aber was die Zeit uns nie rauben kann, ist die Person, die wir in unseren besten Momenten waren.“


(Zitiert aus: Mark Rowlands: Der Philosoph und der Wolf – Was ein wildes Tier uns lehrt, Malik National Geographic, Piper-Verlag GmbH, München 2012, 2. Auflage 2014, S. 271 f.)

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