Wölfe im September

In den letzten Wochen und Monaten ist es vergleichsweise ruhig um unsere deutschen Wölfe geworden. Das ist nicht verwunderlich, denn gerade in den ersten Wochen der Aufzucht des Nachwuchses verhalten sich die Familienverbände gewöhnlich besonders ruhig, fürsorglich und zurückhaltend. Heimlich, wie einige auch sagen. Weniger ruhig und nahezu „unheimlich“ war es jedoch im „Blätterwald“. Immer häufiger forderten Vertreter einschlägiger Verbände zuletzt, den Wolf nun bald endlich bejagen zu dürfen, bzw. die Vorbereitungen dafür zu forcieren. Dabei wurde – wie sich zwischenzeitlich herausstellte – der „auffällige“ und wenig scheue Wanderwolf, der im Frühjahr im westlichen Niedersachsen und den benachbarten Niederlanden für Aufsehen sorgte und dadurch die Diskussionen deutschlandweit anstieß, bereits am 15. April auf der A7 bei Berghof von einem LKW überfahren und tot aufgefunden.

Andere mediale Wolfsereignisse, wie zum Beispiel der vermeintliche Angriff eines Wolfes in der Osternacht auf einen Jäger im Landkreis Lüneburg, der Riss eines Fohlens bei Bispingen oder die Attacke auf einen Chihuahua in Wietze stellten sich letztlich als falsch heraus. Diese Tatsachen wurden jedoch meiner Wahrnehmung nach von einigen Medien  – obwohl vorher als Schlagzeile prominent platziert – nicht immer in angemesser Weise richtig gestellt. Dieses nicht unübliche Vorgehen trägt leider zum weiteren Imageverlust der heimischen Wölfe bei.

Sinkende Reproduktionsraten bei Wölfen?
Ende April, Anfang Mai eines jeden Jahres wird der Wolfsnachwuchs geboren. Nicht umsonst endet das offizielle Wolfsjahr für die Wolfsforscher am 30. April. Einen Tag später, am 1. Mai, beginnt dann das neue Wolfsjahr. Die aktuellen Zahlen des vergangenen Wolfjahres werden jedoch gewöhnlich erst im Frühherbst, meistens im September, veröffentlicht. Man darf also gespannt sein, wie die Gesamtpopulation sich zuletzt entwickelt hat. Auch im neuen Wolfsjahr gibt es zahlreichen Nachwuchs, worauf erste Meldungen in der Presse schon hinwiesen. Andererseits haben sich einzelne Rudel aufgelöst, wie andere Berichte bestätigten.


Für das letzte Wolfsjahr ging man von 250 bis 300 Wölfen in Deutschland aus. Dabei werden jedoch in der Regel nicht einzelne Wölfe gezählt, sondern die Anzahl der Rudel, der Paare und einzelner „residenter Einzelwölfe“. Diese werden mit dem statistischen Mittel der Rudelstärke (8 oder 9 Exemplare je Rudel) multipliziert. Von ungefähr 30 Wolfsrudeln ging man bis vor kurzem in Deutschland aus, die Zahl variiert je nach Quelle jedoch um einige Rudel nach oben oder unten.

Der allgemein akzeptierte „Reproduktionsfaktor“ der Wölfe liegt bei 1,3. Das bedeutet, dass mit einem Anstieg der Wolfspopulation um 30 % im Jahr zu rechnen ist. Dieser Reproduktionsfaktor dürfte jedoch zunehmend geringer werden und nach Ansicht einiger Fachkundiger auf bis zu 1,1 sinken, nämlich dann, wenn die optimalen Lebensräume besetzt sind, die Beutetierdichte in einzelnen Lebensräumen sinkt, Krankheiten wie die Räude auftreten oder die menschliche Infrastruktur mit ihren Straßen und Bahngleisen in den suboptimalen Wolfsrevieren gnadenlos zur Dezimierung der Wolfsbestände beiträgt. Auch illegale Abschüsse von einzelnen Wölfen dürfen an dieser Stelle nicht verschwiegen werden.

Was ist im September von den Wölfen zu erwarten?
Der Wolfsnachwuchs ist im September bereits rund vier Monate alt und befindet sich mitten im Zahnwechsel. Ist er gesund, legt er nun bis ungefähr zum sechsten Lebensmonat im Schnitt über 1,5 Kilogramm Gewicht pro Woche zu, also rund 12 Kilo bis zum November, wodurch er dann – verursacht durch das Winterfell – kaum noch von den erwachsenen Tieren optisch zu unterscheiden sein wird. Im Alter von vier Monaten begleitet der Nachwuchs nun immer häufiger die erwachsenen Wölfe bei kurzen Wanderungen durch das Revier. Die jungen Tiere lernen nun ihre weitere Umgebung kennen. Bisher hielten sie sich überwiegend in der Nähe der Wurfhöhle oder gegebenenfalls der Ersatzhöhlen und der entsprechenden Rendezvousplätze auf. Es ist deshalb nicht ausgeschlossen, dass es nun wieder zu einer erhöhten Anzahl von Wolfssichtungen kommen wird. Jedoch darf sich derjenige glücklich schätzen, der den Anblick genießen darf, denn diese Wanderungen werden in der Regel unter besonderer Vorsicht wahrgenommen. Irgendwann im späteren Verlauf dieser Wolfswanderungen werden den jungen Wölfen von den älteren Tieren erste leichte Jagdstrategien vermittelt. Das ist besonders für die Nutztierhalter ein Prüfstein. Denn oftmals sind ungeschützte oder nicht ausreichend geschützte Nutztiere eine leichte Beute in diesem Stadium des Rudeldaseins. Deshalb ist gerade im Herbst mit einer steigenden Anzahl von Nutztierrissen zu rechnen, die später jedoch – wenn die Jungwölfe andere Jagdstrategien erlernen – wieder in ihrer Zahl zurückgehen sollten.


Die nächsten Monate bleiben also spannend. Wirklich gespannt bin ich jedoch darauf, wie sich die neue offizielle Rudelanzahl entwickelt hat und wie sich die Reproduktionsrate darstellt. Bald wissen wir mehr….


Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler

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