Josef H. Reichholf: Jagd auf wandernde Arten unvertretbar!

„…Ganz anders verhält es sich jedoch bei weiträumig wandernden Arten und bei Großtieren, die viel größere Eigenreviere benötigen, als sie die allermeisten Jäger haben oder sich leisten können. Das Revier eines Steinadlers dehnt sich über hunderte von Quadratkilometern aus, das Streifgebiet eines Wolfsrudels noch weiter. Die Bärenwanderung lässt sich ebenso wenig auf bestimmte Jagdreviere beziehen wie die Flüge der Gänse und Enten von den nordischen Brutgebieten zu den Zwischenraststationen in Mitteleuropa und den Überwinterungsgebieten. Wandernde Arten und Arten mit großem Flächenbedarf gehören daher ihrer Natur gemäß nicht in ein auf kleine Flächen bezogenes Revier(jagd)system. Aber sind sie dann noch in den gesetzlichen Geltungsbereich von Landesjagdgesetzen richtig untergebracht?


Aus guten Gründen ist der Fernstraßenbau „Bundessache“ und alles, was über die Grenzen hinausgeht, gehört ins Arbeitsfeld der Außenministerien und der entsprechenden Organe der Europäischen Union. Die großen Raubtiere gehörten auf jeden Fall in diese „europäische Kategorie“, weil ihnen nur ein gemeinsames Management ihrer Vorkommen und ihrer Bestandsentwicklung die Zukunft sichern wird.


Es ist einfach unvertretbar, dass der Bär in den EU-Ländern Österreich, Slowenien und Italien mit erheblichen Aufwand geschützt wird, aber sogleich Gefahr läuft, bei nahen Nachbarn abgeschossen zu werden. Dasselbe gilt für die Bären in Rumänien und für Luchse aus Tschechien oder die Wölfe aus Polen. Der in bestimmten Lebensbereichen wirklich gute Förderalismus erweist sich in solchen Fällen als große Schwäche….


… Wildtiere dürften aber nicht bloß geduldet werden. Sie haben als unentbehrlicher Bestandteil des ganzen Kulturlandes zu gelten. Nicht Flurstücksgrenzen dürfen für sie und ihre Vorkommen entscheidend sein. Die Natur ist für alle Menschen sozialpflichtig.“


(Quelle: Prof. Dr. Josef H. Reichholf (* 1945), bedeutender deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe, Träger mehrerer namhafter Preise und Autor zahlreicher Bücher, in seiner Veröffentlichung: „Der Bär ist los – Ein kritischer Lagebericht zu den Überlebenschancen unserer Großtiere“, München 2007, Seite 195 ff. – Einzelheiten zum Buch finden Sie über diese Weiterleitung)

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