„Wolf & Co. sind „flagpole species“ für ein Umdenken in der Gesellschaft“

Kurt Kotrschal ist Leiter der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau und Mitbegründer des Wolf-Science-Center in Ernstbrunn. Am 14. März 2018 erschien in «Die Presse» ein Kommentar von ihm mit dem Titel «Wolf oder Schaf? Beides ist möglich, wenn man nur will!» (hier der Link!), in dessen Folge er nun ein paar zentrale Fakten und Gedanken zum Wolf zusammengestellt hat, die auch auf CHWolf.Org veröffentlicht wurden.

Kotrschals Gedanken betreffen weitgehend alle Besiedlungsgebiete von Wölfen, auch wenn er selbstverständlich besonderen Bezug auf Österreich nimmt. Deshalb erachtet es nicht nur CHWolf.Org als wichtig, diese fundierten Aussagen in der Schweiz zu publizieren, sondern Wolfsmonitor auch in Deutschland:


Ein paar zentrale Fakten und Gedanken zum Wolf, von Kurt Kotrschal:

  1. Zahl: In Österreich gibt es im Moment (März 2018) ein Rudel am Truppenübungsplatz in Allensteig, das seit 2016 reproduziert. Österreichweit leben gesamt etwa 20 Wölfe. Daher besteht kein Grund zur Panik. Aufmerksame Gelassenheit ist angesagt.
  2. Ausbreitung: Die Wölfe breiten sich selbständig wieder aus, sie wurden weder in Österreich, noch anderswo in Europa „angesiedelt“. Das Gerücht, dass Wölfe ausgesetzt worden wären ist falsch, hält sich aber hartnäckig. Der wichtigste Faktor für die rasche Rückkehr der Wölfe ist die exzellente Nahrungsbasis durch extrem hohe Wilddichten.
  3. Brauchen/wollen wir Wölfe? Die Rückkehr der Wölfe entspricht dem repräsentativ erhobenen Willen der Bevölkerung. Zudem können sich Wölfe günstig auf Biodiversität, Ökologie und Wildgesundheit auswirken. Wölfe sind daher natur- und artenschutzrelevant, nicht Konkurrenten, sondern potentielle Verbündete von Jagd und Jägern.
  4. Schutz: Wölfe sind gekommen, um zu bleiben. Sie sind durch europäische und nationale Gesetze geschützt und dürfen nur aus schwerwiegenden Gründen „entnommen“ werden. Illegale Abschüsse sind ein Verbrechen und werden behördlich verfolgt.
  5. Regulieren? Wölfe zeigen eine rasche Flächenausbreitung. Einmal etabliert, steigen aber ihre Dichten nicht, weil sie sich effizient selber regulieren (dichteabhängige Regulation durch starke, von etablierten Rudeln ausgehende Interaktionskonkurrenz). Das Beispiel Deutschland zeigt, dass es über weite Bereiche auch ohne „regulieren“ geht.
  6. Erforderliche Forschung: Dringend erforderlich wäre es, möglichst bald ein flächendeckendes best- practice Wolfsmonitoring und eine Begleitung durch wissenschaftliche Top-Forschung zu etablieren. Derzeit gibt es wesentlich zu wenig gute Wildtierforschung in Österreich. Das gilt nicht nur für den Wolf.
  7. Wolfsfreie Zonen, etwa in den Alpen sind wegen des Zuwanderungsdrucks weder realistisch, noch praktikabel. Für betroffene Weidetierhalter bieten wolfsfreie Zonen keinen Schutz und sind daher eine Scheinlösung.
  8. Wo Herdenschutz sachgerecht durchgeführt wird und rechtzeitig (vor der Ankunft der Wölfe) einsetzt, klappt er auch einigermaßen. Das dazu erforderliche know how muss in den kommenden Jahren aufgebaut werden.
  9. Tierschutz Weidetiere: Wölfe töten ihre Beute nicht immer „tierschutzkonform“. Die Bilder der verletzten Weidetiere sind schrecklich und sie und die betroffenen Halter verdienen unser Mitgefühl. Das sollte aber Ansporn sein, den Herdenschutz zu verbessern, denn letztlich sind verletzte oder getötete Weidetiere auch Beleg für ungenügende Aufsicht und Fürsorge durch die Halter.
  10. Es ist fünf nach zwölf: Man sollte bedenken, dass heute etwa 97% der Biomasse der Landwirbeltiere weltweit domestizierte/Nutztiere ausmachen. Es wird schlicht Zeit, allen Wildtieren mehr Platz zu geben, nicht nur dem Rotwild (dessen Dichte schließlich die Basis für die rasche Wiederkehr der Wölfe bildet).
  11. Almwirtschaft und Wölfe schließen einander nicht aus. Sowohl Wolf als auch Weidetierhaltung sind ökologisch begründete gesellschaftliche Anliegen. Es muss daher beides möglich sein, es braucht dafür aber ein gesamtgesellschaftliches Engagement.
  12. Die längst fällige Debatte: Die großen Beutegreifer triggern Diskussionen und eine längst fällige gesellschaftliche Auseinandersetzung. Damit können Wolf & Co. zu zentralen „flagpole species“ für ein Umdenken in der Gesellschaft führen, dass wir nicht alleine auf der Welt sind und dass Menschen nicht das Bewirtschaftungsmonopol für Natur und Landschaft beanspruchen können.

Quellen (alle abgerufen am 1.4.2018):

(*1) chwolf.org, Rubrik News,  „Fakten und Gedanken zum Wolf von Prof. Dr. Kurt Kotrschal“

(*2) die presse.com, Print-Ausgabe, 14.03.2018; „Wolf oder Schaf? Beides ist möglich, wenn man nur will!“


Beitragsfoto: Heiko Anders, www.andersfotografiert.com


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