Bruno Hespeler: Der Wolf als „Hasenfuß“!

„…Immer mehr Menschen wohnen heute in Städten, und sie erleben Natur immer flüchtiger und distanzierter. Doch im gleichen Maße wächst ihre Sehnsucht nach Natur und nach einer vermeintlich heilen Welt. wir alle streben danach, „in Einklang mit der Natur“ zu leben, einem zur Mode gewordenen Schlagwort, über dessen Sinn und Inhalt wir kaum nachdenken. Unser faktisches Wissen ist insgesamt, weil wir Teil einer Informationsgesellschaft sind, um vieles größer als jenes früherer Generationen. Aber das direkt Erleben der Natur bewegt sich für die Mehrheit der Bevölkerung in einem absolut rudimentären Bereich. Ihre Einstellung zur Natur resultiert bei vielen Menschen nur noch aus dem durch Kommunikation erworbenen rein faktischen Wissen. Auch das direkt Erleben liefert Fakten, darüber hinaus aber auch Emotionen.


Wer in der Stadt lebt und immer wieder erfährt, wie bedroht viele Tierarten draußen in freier Landschaft sind, der wird sich für diese begeistern. Der Bauer, dem der Luchs ein Schaf aus der Herde holt, und der Imker, dem der Bär den Bienenstock aufbricht, sie hegen im günstigsten Fall zwiespältige Gefühle, selbst dann, wenn ihnen der entstandene Schaden widerspruchslos und großzügig ersetzt wird. Und so entstehen gegensätzliche Betrachtungsweisen, Gefühle und Forderungen.


Daher variieren auch die Einstellungen zur Rückkehr des Großraubwildes von der glühenden Befürwortung bis zur geradezu hasserfüllten Ablehnung. Was aber heißt überhaupt „Großraubwild“? Zerlegt man dieses Wort, erhält man drei Fragmente, von denen jedes einzelne Ängste hervorrufen kann: das Wort „groß“ suggeriert uns schon eine Unterlegenheit oder besser gesagt eine Ausgeliefertheit. Der „große“ Bär und wir kleinen, hilflosen Menschen. Mit dem Wort „Raub“ verbinden wir immer etwas Schlimmes, ja etwas Kriminelles, nämlich die Angst beraubt zu werden, und schließlich steht hinter Raub der körperliche Schaden, ja gelegentlich sogar der Tod. Selbst das Wort „Wild“ kann Angst machen, nämlich dann, wenn wir darunter nicht ein freies Leben, sondern ein ungebärdetes, unkontrollierbares, andere bedrohendes Verhalten verstehen.

Und was den uns schon in zahlreichen Märchen und Geschichten als menschenfressende Bestie vorgestellten Wolf betrifft, so kann man sich einen größeren, auch den einzelnen Menschen absolut fürchtenden Hasenfuß kaum denken!

Wir dürfen die Rückkehr des sogenannten „Großraubwildes“ also durchaus gelassen zur Kenntnis nehmen. Die simple Fahrt ins Büro, das Zubereiten eines Mittagessens, ja selbst der Arztbesuch oder gar das Skiwochenende, sie alle sind mit weit höheren Risiken verbunden als der Spaziergang im nächtlichen Bärenwald! Und was die von Großraubwild verursachten Schäden betrifft, so liegen diese, selbst wenn alle geeigneten Lebensräume wieder von Bär, Wolf und Luchs besiedelt würden, wahrscheinlich weit unter jenen Kosten, die an einem einzigen Wochenende durch Sportunfälle entstehen oder die von der öffentlichen Hand zur Förderung moderner Kunst ausgegeben werden.


Ich glaube aber, es ist von Grund auf falsch, wenn wir bei der Rückwanderung der drei Arten zuerst nach den Kosten fragen. Als Lebewesen haben Wildtiere einen Wert an sich, und sie haben überdies einen – wenn auch schwer quantifizierbaren – Erlebniswert für den Menschen! …“


(Bruno Hespeler, (*1943), langjähriger Berufsjäger sowie Revierleiter im Privatforstdienst und bei der Bayerischen Staatsforstverwaltung, freier Journalist sowie Autor von über 20 Büchern, zitiert aus seinem Werk: „Brunos Heimkehr – Bär, Wolf und Luchs kommen wieder. Ängste, Risiken und Hoffnungen“, Edition Raetia, Bozen 2006,  Seite 6 ff., über diesen Link finden Sie weitere Informationen zum Buch und zum Autor!)

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