Peter und der Wolf

Hin und wieder genieße ich das Flair unserer deutschen Großstädte. Ich steuere bei diesen Besuchen in der Regel jede erreichbare Buchhandlung an, um zu sehen, was es dort Neues gibt. Ordentlich aufgereiht und nach den „Top 20“ sortiert, findet man dort zumeist die aktuellen Bestseller.
Und siehe da, zurzeit scheint sich ein Buch ganz gut zu verkaufen, das von dem „geheimen Leben der Bäume“ berichtet. Peter Wohlleben heißt der Autor, er ist ein Förster, der bereits vor zwei Jahren einen Nachruf auf den deutschen Wald veröffentlichte (hier der Link). Als regelmäßiger Besucher von Buchhandlungen war mir jedoch damals eine Listung seines Buches in den Bestsellerrängen nicht aufgefallen. Sein neues Buch (hier der Link!) wiederum ist zeitweise sogar auf Platz 1 der Bestsellerliste zu finden. Kompliment, Herr Wohlleben!

Mich haben Sie bereits vor einigen Monaten mit Ihren auffälligen Äußerungen neugierig gemacht. Ich sah Sie im Fernsehen, als Sie in einer Talkshow über Ihr neues Buch berichteten und war erstaunt über das, was Sie sagten. Noch während der Sendung bestellte ich – um Ihren Namen nicht zu vergessen – über das Internet ein Buch von Ihnen. Den „Nachruf“ auf den deutschen Wald halt. Und ich war beim Lesen dieses Buches verwundert darüber, dass sich im „deutschen Forstwesen“ in den letzten Jahrzehnten scheinbar so wenig verändert haben soll. Und dass sich Ihren Aussagen nach auch in nächster Zeit dort kaum etwas verändern wird. Der vielbeschworene Generationswechsel scheint in der Forstwirtschaft leider nur zaghaft stattzufinden. Zumindest, was die nötige innovative Gesinnung für eine zeitgemäße Waldbewirtschaftung betrifft. Das Wissen des Försternachwuchses scheint neben der Aufrechterhaltung des Öko-Images im Sinne von „jeder gefällte Baum ist ein Segen für die Natur“, auf den Betrieb von Holzplantagen, den effizienten Maschineneinsatz und die Anwendung von Chemikalien begrenzt zu sein. Sie vermissen beim Nachwuchs den „Respekt und die Liebe für das einzigartige, komplizierte Ökosystem Wald“.

In Ihrem neuen Buch lehren Sie uns, dass der Wald und seine Bäume anders gesehen und wertgeschätzt werden dürfen. Man kann Holz aus richtig bewirtschafteten Wäldern mit „artgerechter Baumhaltung“ – so bezeichnen Sie es – durchaus völlig bedenkenlos nutzen. Nur leider sieht Ihrer Ansicht nach die forstliche Praxis in Mitteleuropa immer noch zu 95% anders aus. Immer häufiger anstatt seltener wird mit schwersten Maschinen in monotonen Baumplantagen, Sie nennen sie „Holzfabriken“, gearbeitet.

Was bedeutet nun der Erfolg Ihres neuen Buches?

Ich will einen Versuch wagen, diese Frage zu beantworten. Wir leben in einer Zeit, in der wir in Deutschland so langsam wahrnehmen, dass wir beim weiteren Beschreiten langjährig geglaubter sicherer Pfade – um in Ihrem Jargon zu bleiben – auf dem Holzweg sind. Die Welt um uns herum wird unsicherer, der vielbeschworene Wandel – egal ob in Form der sich beschleunigenden digitalen Welt oder der bei uns Zuflucht suchenden Menschen aus den Krisenherden der Europa umgebenden „kriegerischen Flächenbrände“ – verunsichert viele von uns und erfordert eine Überprüfung und Anpassung unseres Werteverständnisses. Wir werden mit der Gewissheit aus einem langjährigen Tiefschlaf gerissen, dass viele Probleme uns so langsam über den Kopf hinaus wachsen. Divisionen von Kommunikationsspezialisten und Marketingexperten – es gibt sie erst seit wenigen Jahrzehnten – versuchen uns zwar weiterhin zu beruhigen und gleichzeitig zum Kauf ihrer Botschaften und Produkte zu bewegen, nur – es mag Ihnen langsam keiner mehr uneingeschränkt glauben. Schauen Sie, seit dem Jahr 2008 stecken wir in einer ausgeprägten Finanzkrise, die uns Europäern, insbesondere im Süden, nach wie vor teuer zu stehen kommt. Die Kriege rund um Europa veranlassen viele Menschen zur Flucht, ganze Nationen werden digital ausgespäht und selbst renommierte Großkonzerne scheuen nicht mehr davor zurück, wissentlich und willentlich zu „betrügen“. Das sind nur einige Punkte auf einer Liste, die sich fast beliebig verlängern ließe.


Lassen sie uns in diesem Zusammenhang auch auf einige Schlaglichter blicken, die uns unmittelbar betreffen. Die kürzlich mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Autorin Elizabeth Kolbert belegt mit ihrem Buch „Das 6. Sterben“* sehr eindrucksvoll, dass wir uns nur noch wenige Jahrzehnte vor dem sogenannten weltweiten „Kipp-Punkt“, also dem Zeitpunkt, an dem das gesamte Ökosystem unwiderruflich „umkippt“, befinden. Die damit zu erwartenden Wirkungen beschreibt der von ihr dazu befragte Paläontologe Anthony Barnosky mit folgenden Worten:

„Schauen Sie sich um. Töten Sie die Hälfte von allem, was sie sehen. Oder wenn Sie großzügig sind, töten Sie nur ein Viertel von allem, was sie sehen. Das ist möglicherweise das, worüber wir hier reden.“ (*ebenda, S. 171, hier der Link zum Buch!)


Vor wenigen Tagen wurde vom Umweltbundesamt nach 30 Jahren das Folgegutachten des 1985 für Aufsehen erregenden Gutachtens „Umweltprobleme der Landwirtschaft“ veröffentlicht. Zu Wort kommt dort der Sachverständigenrat für Umweltfragen. Das ernüchternde Ergebnis: Trotz aller Bemühungen in den letzten drei Jahrzehnten belegen alle relevanten Indikatoren, dass der Rückgang der Artenvielfalt in Deutschland bisher nicht gestoppt und die angestrebte Trendwende nicht verwirklicht werden konnte. Trotz vieler Maßnahmen gibt es auch noch keine durchgreifenden Verbesserungen in der Gewässerökologie. Die dort unverändert hohen Stickstoffüberschüsse beweisen, dass insbesondere die Landwirtschaft an diesem ernüchterten Ergebnis nach wie vor einen großen Anteil hat. Die Belastungstrends der Böden, des Klimas und des Landschaftsbildes sind ebenfalls ungebrochen negativ. Die vor langer Zeit gesteckten Ziele wurden bis auf wenige Ausnahmen weitestgehend verfehlt. (hier der Link! Quelle: Umweltbundesamt) Können wir noch weitere 30 Jahre auf Besserung warten? Würden wir den eben zitierten Anthony Barnosky fragen, dürften Zweifel aufkommen.

Ungehindert dieser Umstände versucht die deutsche Landbevölkerung zunehmend – zuletzt durch immer wütender werdende Proteste – sich einer „politischen Bevormundung“ durch die sogenannte „ökologische Agrarwende“ zu widersetzen. Dabei geht es jedoch schon lange nicht mehr um die eigentliche Sache, wie der Welt-Kolumnist Eckhard Fuhr in einem am 17. September veröffentlichtem Kommentar in der gleichnamigen Zeitung beschreibt, sondern um einen Machtkampf darüber, wie es auf dem Lande künftig aussehen soll: Die ländliche Region als idyllischer Zufluchts- und Sehnsuchtsort oder als industrielle Nahrungsmittelproduktionsstätte?


Das alles gibt eigentlich wenig Anlass zum Optimismus. Der Erfolg Ihres Buches, Herr Wohlleben, ist für mich ein deutliches Zeichen dafür, dass viele Mitbürger sich nach Menschen sehnen, die ihnen erklären, wo eigentlich die Ursachen für die vielen Fehlentwicklungen in den letzten Jahrzehnten zu suchen sind. Menschen, die ihnen ehrlich aufzeigen, was eigentlich getan werden müsste, um dem oben beschriebenen unausweichlichen Schicksal doch noch zu entgehen. Menschen, die komplizierte Zusammenhänge verständlich machen können. Sie tun das! Sie können das! Auf sympathische Art und in verständlicher Weise. Mit einem Nachnamen, der Hoffnungen weckt! Ja, ich glaube, wir bräuchten mehr Menschen vom Schlage Peter Wohllebens!

Und was hat das jetzt mit Wölfen zu tun?

Der Wolf zeigt, wie kaum ein anderes Wildtier durch seine Heimkehr, dass die oben beschriebene Welt, so wenig einladend sie auch zu sein scheint, trotz aller menschlichen, chemischen und maschinellen Eingriffe in die Umwelt durchaus lebenswert sein kann. Denn er ist trotz der widrigen Umstände einfach wieder da und arrangiert sich mit den Gegebenheiten. Mit ihm sind alle Ängste, Befürchtungen, Fragen und Vorurteile über ihn ebenfalls zurückgekehrt. Einige sehen in seiner Kreatur immer noch das leibhaftige Unheil, ein Stigma, das ihm bereits seit der Christianisierung dieses Landstrichs durch Karl den Großen anhaftet.


Eine überwältigende Mehrheit von rund 80% der Deutschen befürworten jedoch seine Rückkehr, wie kürzlich eine Forsa-Umfrage ergab. Für viele von ihnen ist er ein Hoffnungsträger. Denn die Rückkehr des Wolfes zwingt uns genau wie das Buch von Peter Wohlleben dazu, unser grundsätzliches Werte- und Umweltverständnis und unser Handeln neu zu hinterfragen und zu bewerten. Einige tun sich – gefangen zwischen Tradition, Brauchtum und „guter fachlicher Praxis“ – schwerer dabei als andere. Beide, Peter Wohlleben und der Wolf, geben den Menschen einen Impuls, die Umwelt etwas besser verstehen zu lernen, um künftig vielleicht sorgsamer mit ihr umzugehen. Wölfe schreiben dabei im Gegensatz zu Peter Wohlleben zwar keine Bücher, aber vielleicht schreiben sie Geschichte!


Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler

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