Wolfsbejagung in Frankreich künftig erleichtert

In Frankreich werden im kommenden Jagdjahr bis zu 36 der schätzungsweise rund 300 Wölfe bejagt. Neu ist außerdem, dass an der Bejagung nun auch „amtlich bestätigte private Jäger“ teilnehmen dürfen. Das meldete die taz*(1)  kürzlich. Damit beugt sich die Pariser Regierung dem bereits lang andauernden Druck der Schafzüchter und -halter.

Bereits im Juli hatte Frankreichs Umweltministerin Ségolène Royal ein eigenes Dezernat mit 10 Beauftragten einrichten lassen, deren Mitarbeiter (ausschließlich Jagdscheininhaber) in die überregionale Delegation „Alpes-Méditerranée Corse“ (eine grenzübergreifende französisch- italienische EU-Region) beim nationalen Büro für Jagd und Wildtiere (ONCFS) eingegliedert wurden.

Darüber hinaus versprach die Umweltministerin seinerzeit, sich bei der Europäischen Kommission für Änderungen der Berner-Konvention stark zu machen. Hier gilt der Wolf, gemäß Anhang III, als streng geschützte Tierart, die weder gestört, gefangen, getötet, noch gehandelt werden darf. Begründet wurden die Schritte des Umweltministeriums mit der Verdoppelung der Wolfsattacken innerhalb der letzten fünf Jahre. Von 2004 bis 2014 habe sich die Wolfspopulation in Frankreich zudem auf rund 300 Tiere verdreifacht. Die Finanzmittel für den Herdenschutz und zur Entschädigung der Tierhalter betrugen in diesem Zeitraum insgesamt rund 15 Millionen Euro.

Kommentar:

8.500 Mutterschafe sollen im letzten Jahr den rund 300 Wölfen zum Opfer gefallen sein, pro Wolf also rein statistisch mehr als 28 Schafe. Vergleicht man diese Zahlen mit denen, die für Deutschland vorliegen – hier sind es im Gegensatz dazu „nur“ einige hundert Schafsrisse jährlich – ist man verwundert.

Obwohl es höchst unseriös wäre, als Außenstehender die Zahlen in Frankreich in irgendeiner Weise anzuzweifeln, ist man geneigt zu fragen, ob es ein Zufall sein dürfte, dass die französische Umweltministerin noch im Juli auf den maßgeblichen Nachholbedarf im französischen Herdenschutz hinwies.

Ihr Versuch, Einfluss auf die Regelungen der Berner Konvention nehmen zu wollen, ist allerdings zum Scheitern verurteilt. Dazu bedürfte es der Zustimmung einer 2/3-Mehrheit der Mitglieder des „Ständigen Ausschusses der Berner Kommission“ und „Einstimmigkeit im Europarat“ nach der Prüfung durch die EU-Kommission (*2).

Nun wurde also per „Dekret“ geregelt, dass Wölfe– nach erfolglosen Vergrämungsversuchen – künftig „in Notwehr“ erschossen werden dürfen. Der Begriff „Notwehr“ bleibt dabei allerdings vage und muss demnach von den jeweiligen Behörden lokal interpretiert werden. Da die Notwehrregelung allerdings allein nicht ausreiche, so die französische Umweltministerin, werde man diese Maßnahme durch „Hetzjagden“ auf Wölfe ergänzen, um so letztlich bis zu 12 % der französischen Wolfspopulation zu „entnehmen“.

Der Versuch, Wölfe abzuschießen, um Herden sinnvoll zu schützen, gelang jedoch bereits in der Vergangenheit nicht. Das stellten die rund 67.000 (erfolglosen) Unterzeichner einer Petition gegen die Wolfsabschüsse in Frankreich nicht zu Unrecht fest.

Man glaubt heute in der Wolfsforschung zu wissen, dass sich die Sozialstrukturen in den Wolfsrudeln durch den Abschuss einzelner Elterntiere derart verändern, dass nicht selten mit Mehrfachwürfen darauf reagiert wird und sich die Wölfe dadurch schneller vermehren. Darüber hinaus reißen elternlose “Rudel“ häufiger Nutztiere als Wölfe in stabilen Familienstrukturen. Die Bejagung dürfte deshalb nicht den gewünschten Erfolg herbeiführen. Erst recht nicht durch die beschriebene „Hetzjagd“, bei der eine selektive Entnahme der Jungwölfe ab dem Spätherbst quasi unmöglich wird, weil Jungtiere dann optisch nicht mehr von Alttieren zu unterscheiden sind. Würde man aus diesen Gründen ganze Rudel „auslöschen“, wäre es nur eine Frage der Zeit, bis die jeweiligen Reviere neu besetzt und die Probleme erneut vorhanden wären.

Geht man einmal theoretisch davon aus, dass zu den nun anvisierten 12 % legalen Tötungen in Frankreich auch noch die statistisch üblichen 16% Wolfsabschüsse addiert werden müssen, die illegal vorgenommen werden, wird die neue Regierungsmaßnahme kurzfristig höchstens dazu führen, dass die Schäden ebenso wie die Anzahl der Wölfe in etwa gleich bleiben, wenn nicht parallel dazu der Herdenschutz in Frankreich optimiert wird. Denn die übliche Reproduktionsrate einer Wolfspopulation liegt – ohne jeglichen jagdlichen Eingriff – bei ungefähr 30% jährlich. Wenn nun allerdings jedes Jahr mindestens 25% des gesamten Wolfsbestandes getötet werden, ist auf Dauer tatsächlich ein Effekt für die Nutziere zu erwarten. Das ermittelte zuletzt eine amerikanische Studie, über die Cornelia Dick-Pfaff kürzlich berichtete(*3). Bedeutet das nun, dass in Frankreich bei der aktuellen Maßnahmenplanung illegale Tötungen vorsorglich mit einkalkuliert wurden?

Über andere Aspekte, wie zum Beispiel den „günstigen Erhaltungszustand“ der geschützten Tierart oder die Frage, mit welcher juristischen Begründung man die Wölfe nun bejagd, mag ich an dieser Stelle gar nicht spekulieren. Allerdings handelt es sich beim Wolf um eine Tierart, deren Populationsmanagement letztlich nur länderübergreifend, also international möglich ist. Und so lange das eigentliche Schutzziel  – eine flächendeckende Vernetzung der europäischen Teilpopulationen – nicht erreicht ist, kann man derartige politische Entscheidungen nicht gutheißen, denn sie bedeuten letztendlich, dass mit zweierlei Maß gemessen wird: Was eine Nation geduldig managt, wird vom Nachbarland durch zwischenzeitliche „Letallösungen“ ausgebremst.

Am Ende wird sich jedoch zweifellos herausstellen: Nur wirksame Herdenschutzlösungen dürften dazu führen, die betroffenen Schäfer und die französische Staatskasse dauerhaft zu entlasten.


Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler


(* 1) Quelle: Rudolf Balmer in der taz, 15.10.2015, hier der Link!

(* 2) Quelle: Gesellschaft zum Schutz der Wölfe, GzSdW, Rudelnachrichten 3 & 4, Sommer 2015, S. 25

(*3) Quellen: Wissenschaft aktuell, www.wissenschaft-aktuell.de, Artikel „ Wölfe töten rächt sich“ von Cornelia Dick-Pfaff, hier der Link! ; „Effekts of wolf mortality on         livestock depredations“, Robert B. Wielgus, Kaylie A. Peebles, hier der Link! )

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