Wolfsrisse in Goldenstedt als Chance begreifen!

Bei Goldenstedt im niedersächsischen Landkreis Vechta wurden in kurzen Zeitabständen trotz guter Herdenschutzmaßnahmen mehrere wertvolle Schafe scheinbar von einer Wölfin gerissen. Selbst ein 140 cm hoher Elektrozaun konnte die Wölfin nicht davon abhalten, zu den Schafen vorzudringen. Das ist bedauerlich, nicht nur deshalb, weil der Schäfer Tino Barth bisher als vorbildliches Beispiel für den Einsatz von Herdenschutzmaßnahmen galt und weil er augenscheinlich alle notwendigen und vom Ministerium geforderten Maßnahmen zum Schutz seiner Schafherden umsetzte.

Der erneute Riss eines Schafes aus seiner Herde führte nun – einer Pressemeldungen zufolge (*1) zu einem Medien- und „Experten“-Auflauf. Ganze 5 Kamerateams, der Leiter des Wolfscenters Dörverden Frank Fass und der CDU-Landtagsabgeordnete Ernst-Ingolf Angermann waren vor Ort, um die Sache selbst in Augenschein zu nehmen. Das Ergebnis: Der „rissauffällige“ Wolf muss weg, wenn er „mit der Tierhaltung nicht verträglich ist“. Frank Fass wird zitiert: „Ich würde die Wölfin opfern“.

Kommentar:

Tino Barth ist wirklich zu bedauern! Obwohl er sich Mühe beim Schutz seiner Herden gibt, sind seine Schafe immer wieder das Ziel von Wolfsattacken. Scheinbar handelt es sich bei den Angriffen auf die Schafe Barths um eine Wölfin, für die es immer noch attraktiver ist, die Schutzzäune zu überwinden als freilebendes Wild zu erbeuten. Ist das jedoch wirklich „auffälliges Wolfsverhalten“? Wenn Sie mich fragen: NEIN!

Muss die Wölfin deshalb – wie die sogenannten Experten angeblich fordern – „geopfert“ werden? Ich verneine ebenfalls – vorerst zumindest!

Der „Fall Barth“ ist vor allem ein Lehrstück in Sachen Herdenschutz und sollte auch als solcher verstanden werden!
Tino Barth ist einer der wenigen Schäfer, der – zwar nicht in der angegriffenen, sondern in einer weiteren seiner Herden – Schutzesel einsetzt. In Fachkreisen sind diese Esel zum Schutz vor Wolfsattacken durchaus umstritten. Nur wenige Klicks im Internet reichen, um zu diesem Schluss zu kommen. Und nicht nur das, es ist dort auch zu lesen, dass Elektrozäune in Verbindung mit dem Einsatz von Herdenschutzhunden (HSH) den besten Schutz vor Wolfsangriffen versprechen.

Wer in diesem Jahr wie ich Teilnehmer der internationalen Wolfskonferenz in Wolfsburg war und den Vortrag von Dr. Regina Walther vom sächsischen Schaf- und Ziegenzuchtverein hörte, weiß, dass auch dort die Wölfe fast jede Nacht die eingezäunten Schafherden „ablaufen“, um zu sehen, ob es nicht doch eine Schwachstelle in den Zäunen gibt, die den Zugang zur Herde ermöglichen. Für die betroffenen Schäfer werden in Sachsen deshalb seit 2009 Herdenschutzhunde bereitgehalten, die bei Notfällen kostenlos zur Verfügung gestellt werden (*2). Hier wäre ein zeitnahes Gespräch zwischen Tino Barth und Dr. Walther dringend anzuraten, um zu prüfen, ob und wie es im Rahmen der „Amtshilfe“ eine länderübergreifende Zusammenarbeit geben kann.

Das Repertoire möglicher Herdenschutzmaßnahmen wäre jedoch auch damit lang noch nicht ausgereizt. In Amerika nutzt man zum Beispiel Bewegungsmelder, um alle möglichen Vergrämungsmaßnahmen, von Feuerwerkskörpern bis hin zur lauten Musik automatisch auszulösen, wenn sich ein Beutegreifer nachts der Herde nähert.


Die Verantwortlichen im niedersächsischen Wolfsmanagement sollten nun unbedingt die Gelegenheit beim Schopfe packen. In Goldenstedt gibt es augenscheinlich gerade einen Präzedenzfall, bei dem wertvolle Erfahrungen im Herdenschutz und bei Vergrämungsversuchen gemacht werden können. Ein kurzfristig einberufenes Pilotprojekt des Landes sollte deshalb einerseits Tino Barth die volle weitere finanzielle Unterstützung für „experimentelle Herdenschutzmaßnahmen“ ermöglichen, andererseits gleichzeitig die Mittel zur Verfügung stellen, um nun „echte erfahrene Personen“, also quasi Vollprofis zum Einsatz zu bringen, die künftig für ähnliche Zwischenfälle in Niedersachsen zur Verfügung stehen könnten. Diese Profis könnten in Goldenstedt wertvolle Erfahrungen für ihre weitere Arbeit sammeln.

Wir werden, wenn wir das Wolfsmanagement ernst nehmen – das habe ich bereits im Rahmen meiner 9 Thesen hier auf Wolfsmonitor dargestellt – auf Dauer nicht umhinkommen, eine Handvoll Vollprofis, ich nenne sie „Wolfsscouts“, vorzuhalten, um in einzelnen „Schwerpunktgebieten“ jederzeit besondere Wolfsschutzmaßnahmen durchführen zu können. Wir müssen nur endlich einmal damit anfangen, diesen Weg einzuschlagen. Viel Zeit dafür bleibt nicht mehr. Bereits im Winter wird sich die nächste Wolfsgeneration auf den Weg machen, um ihr eigenes Revier zu finden. Eine weitere Verunsicherung der Bevölkerung ist deshalb bereits vorprogrammiert und wird vermutlich von vielen Medienvertretern dankbar aufgegriffen werden.

Einen 100% igen Schutz vor Wolfsangriffen gibt es nicht! Das wissen alle, die sich mit der Materie näher beschäftigen. Nun aber wider besseren Wissens aus politischem Kalkül den Abschuss des ersten „rissauffälligen Wolfs“ in Deutschland zu fordern, wie der CDU-Landtagsabgeordnete und der Leiter des Wolfcenters es tun, ist einfältig, verfrüht und phantasielos. Hat Ernst-Ingolf Angermann die Inhalte des Grundsatzpapiers, das bereits im Jahr 2010 noch unter dem FDP-Umweltminister Hans-Heinrich Sander herausgegeben wurde, bereits vergessen? Dort ist zu lesen (*3):

„…Sollten Wölfe dennoch auffällig in ihrem Verhalten gegenüber Menschen werden oder sich auf Nutztiere beim Nahrungserwerb spezialisieren, können Gegenmaßnahmen erforderlich werden. Die Wahl der Maßnahmen hängt von den Umständen des Einzelfalls ab und muss auch den Populationsstatus des Wolfsvorkommens (Einzeltier, Junge führende Eltern etc.) berücksichtigen. Im günstigen Fall reichen verbesserte Schutzzäune für Weidetiere, in anderen Fällen Vergrämungsmaßnahmen aus, aber auch der Fang oder – etwa im Falle von an Tollwut erkrankten Tieren – der Abschuss von Einzeltieren muss als Option erhalten bleiben…“

Die „Eskalationsleiter“ ist damit vorgezeichnet. In Goldenstedt handelt es sich augenscheinlich einfach nicht mehr um den „günstigen Fall“! Tino Barth braucht jetzt trotzdem eine zeitnahe und schnelle Lösung! Deshalb ist nun der richtige Zeitpunkt erreicht, sich im niedersächsischen Umweltministerium endlich ein Herz zu fassen und mit praktischen Lösungen loszulegen! Es liegt auf der Hand, was zu tun ist!

Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler


Anmerkung in eigener Sache: WOLFSMONITOR ist Finalteilnehmer beim ERGO-Blog-Award 2015. Jetzt entscheidest du! Nimm am Online-Voting teil und gib den Wölfen jetzt deine Stimme! Du findest die Abstimmung unter folgendem Link: https://blog.ergo.de/de/Mut-Machen/1510/Dein-Weg-2015-Wer-soll-gewinnen.aspx

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Quellen:

(*1) MK-Kreiszeitung vom 27.10.2015: Experte: „Ich würde die Wölfin opfern“, hier der Link!

(*2) Powerpoint-Präsentation auf der Internationalen Wolfskonferenz des NABU im September 2015 von Dr. Regina Walther, hier der Link!

(*3) Niedersächsiches Ministerium für Umwelt und klimaschutz: „Der Wolf in Niedersachsen“, S. 13, November 2010, hier der Link!

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