3 Antworten von David Gerke

David Gerke (30), Schafhirte und Jäger aus Zuchwil in der Schweiz, ist Präsident der „Gruppe Wolf Schweiz (GWS)“, die sich als „politische Stimme der Großraubtiere “versteht (*1). Der Verein, der nach einem Besuch von Wolfsinteressierten beim weltweit bekannten Wolfsforscher Erich Klinghammer in den USA im Jahr 1997 gegründet wurde, hat sich zum Ziel gesetzt, Hintergrundinformationen über das Verhalten, die Vorkommen und die Ökologie des Wolfes in der Schweiz zugänglich zu machen. Die GWS arbeitet dabei eng mit zahlreichen Fachleuten und den Medien zusammen. So ist es dem Verein möglich, wissenschaftlich fundiertes Know-how zu veröffentlichen.

Ende Dezember 2015 stimmte das Bundesamt für Umwelt (BAFU) in der Schweiz dem Gesuch der Kantone St. Gallen und Graubünden um Abschussbewilligung von zwei Jungwölfen aus dem Calandarudel – einem von insgesamt zwei Wolfsrudeln in der Schweiz – zu. Begründet wurde dies mit dem Verlust der Scheu und dem Auftauchen von Wölfen in Siedlungen. Damit wachse – so wird argumentiert – das Potenzial zur Gefährdung von Menschen. Mit dem Abschuss zweier Jungwölfe soll nun eine Verhaltensänderung des Rudels bewirkt werden (*2). Wolfsmonitor hatte Gelegenheit zu einem Interview mit dem Präsidenten der GWS.

WOLFSMONITOR: Herr Gerke, noch auf der Internationalen Wolfskonferenz im September 2015 in Wolfsburg betonte Stefan Leiner von der EU-Kommission, dass ihm bisher eine zufriedenstellende Antwort darauf fehle, ob Wölfe durch die Bejagung wirklich scheuer werden würden. Warum, glauben Sie, kennt man diese Antwort ausgerechnet in der Schweiz?

Eine gute Frage. Beim Wolf meint halt jeder, er sei ein Spezialist und wisse Bescheid. Die zuständigen Behörden der beiden Kantone und des Bundes vertreten die Ansicht, dass Wolfsabschüsse die Tiere scheuer machen und stützen sich dabei auf die Aussagen von verschiedenen anerkannten Wissenschaftlern wie L. David Mech oder John Linnell. Dabei ignorieren sie aber geflissentlich, dass andere ebenso anerkannte Wissenschaftler dieser These widersprechen und keine einzige wissenschaftliche Publikation vorliegt, die den Zusammenhang zwischen Jagddruck und Scheuheit beim Wolf bestätigt. Das heisst nicht, dass es einen solchen nicht gibt, aber die Datenlage ist mehr als unklar und es begründete Zweifel, dass der Abschuss von zwei Jungwölfen die bestehenden Konflikte wirklich lösen wird. Zum einen beseitigen Abschüsse nicht die Ursache dafür, dass Wölfe mehrfach in Siedlungsgebiete vordrangen, nämlich die dort verfügbaren Futterquellen. Und zum anderen ist die Neugier bekanntlich Teil des natürlichen Verhaltens von Jungwölfen, so dass mit oder ohne Abschüsse immer mal wieder der eine oder andere “Schnösel“, wie Günther Bloch sagen würde, bei Siedlungen auftauchen wird. Besonders stossend ist aber, dass sich die beiden Kantone vehement weigern, die Auswirkungen der geplanten Abschüsse wissenschaftlich begleiten zu lassen. Niemand weiss wirklich, wie die Wölfe auf solche Vergrämungsabschüsse reagieren. Hier hätte man die Möglichkeit, das zu untersuchen, doch die Behörden stellen sich quer. Das hinterlässt einen sehr schalen Nachgeschmack.

WOLFSMONITOR: Mit welchen Maßnahmen reagiert die GWS auf die BAFU-Entscheidung und wie beurteilen Sie Ihrer Einschätzung nach die Chancen Ihres Engagements?

Die GWS ist als Verein organisiert und hat deshalb nur beschränkte Möglichkeiten, um den geplanten Abschüssen entgegen zu wirken. Die Abschüsse wurden in einer beschwerdefähigen Verfügung publiziert. Zur Beschwerde legitimiert sind aber nur eine handvoll Organisationen, darunter die grossen Naturschutzverbände wie WWF und Pro Natura. Die GWS hat damit keine direkte juristische Handhabe gegen die Abschüsse. Deshalb kommen als Alternative einerseits politische Instrumente zum Zug, namentlich eine im Dezember lancierte Petition, für die innerhalb zehn Tagen über 10’000 Unterschriften gesammelt werden konnten. Diese Petition liegt nun bei den beiden Kantonen, die dazu Stellung beziehen müssen. Andererseits wird gegen die Futterquellen in Siedlungsnähe vorgegangen, die die Wölfe dorthin gelockt haben. Das betrifft hauptsächlich die Luderplätze für die Fuchsjagd, die sich meist in unmittelbarer Nähe von Gebäuden befinden. Nach eigener Aussage haben die Kantone diese schon länger aufgehoben, was eine Bedingung für die Abschussbewilligung war. Dennoch konnten wir aufdecken, dass noch immer verschiedene solche existieren. Wir liefern damit quasi die Begründung für eine allfällige gerichtliche Blockade der Abschüsse und sorgen durch den mit diesen Informationen aufgebauten medialen Druck gleichzeitig dafür, dass diese Plätze aufgehoben werden und damit das Konfliktpotential tatsächlich reduziert wird. Ob wir damit die zwei nun zum Abschuss freigegeben Jungwölfe tatsächlich noch retten können, ist zwar fraglich, aber für die Zukunft erreichen wir damit definitiv etwas.

WOLFSMONITOR: Herr Gerke, erlauben Sie mir bitte eine persönliche Frage: Sie sind Schafhirte, Jäger sowie gleichzeitig Wolfschützer und somit ein leibhaftiges Beispiel für die Vereinbarkeit dieser drei Perspektiven. Welcher Grundgedanke leitet Sie dabei?

Der Grundgedanke ist das Vertrauen in die Natur. Egal ob als Jäger, Schafhirte oder Wolfsfreund, ich bin in jeder Funktion auf die Natur angewiesen, ohne sie geht es sich. Die Natur funktioniert in Zyklen und Kreisläufen, diese sorgen für eine gewisse Stabilität von Ökosystemen, auf die gerade wir Naturnutzer angewiesen sind. Aber die Natur ist kein Gemischtwarenladen, wo man sich etwa die Artenzusammensetzung beliebig und nach den eigenen Bedürfnissen zusammensetzen kann. Man muss sie so nehmen, wie sie ist. Zur Natur gehören auch die grossen Beutegreifer, sie sind für geschlossene Kreisläufe und intakte Ökosysteme unverzichtbar.

Herr Gerke, vielen Dank für das Interview!


Hinweis: Wolfsmonitor ist es gelungen, David Gerke für eine Kolumne zu gewinnen. In unregelmäßigen Abständen wird der Präsident der GWS nun auf Wolfsmonitor aktuell aus der Schweiz berichten. Ich möchte mich bereits an dieser Stelle dafür bei David Gerke bedanken und freue mich auf die weitere Zusammenarbeit!

(1)  ZurWebseite der Gruppe Wolf Schweiz (GWS): hier der Link!
(2) Zum entsprechenden Wolfsmonitor-Beitrag: hier der Link!

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