Die „unkontrollierte“ Ausbreitung der Wölfe

Ein wahrgenommener Kontrollverlust wird für viele – in welchem gesellschaftlichen oder privaten Bereich auch immer – schnell unerträglich. Dort, wo die Kontrolle offenkundig versagt, entstehen bei sensiblen Naturen schnell Ohnmachtsgefühle oder Ängste vor chaotischen Verhältnissen. Folglich ist der dringende Wunsch, die bestehenden Regeln und Strukturen mögen funktionieren oder aber schnellstmöglich angepasst werden, um die vollständige Kontrolle über eine Sache zurückgewinnen, oft eine spontane Reaktion, wenn Dinge vermeintlich „aus dem Ruder laufen“.

Das gilt für die Finanzmärkte und das Klima ebenso, wie für die Frage, wie groß der Zuzug von Menschen oder Wölfen sein sollte. Da Wahrnehmungsschwellen allerdings eine höchst persönliche Angelegenheit sind, müssen viele Menschen für gewisse Problemstellungen erst sensibilisiert werden, da sie unterschiedlich betroffen sind. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber dennoch brandaktuell.

Anders ist es, wenn kleinere oder größere Katastrophen unmittelbar sichtbar machen, dass etwas außer Kontrolle geraten ist. Fukushima oder gelegentliche Flugzeugabstürze sind geeignete Beispiele dafür….

Die Verantwortlichen reagieren allerdings häufig erst dann, wenn die allgemeine Besorgnis über einen wahrgenommenen Kontrollverlust gewisse Relevanzschwellen überschreitet. Das ist meistens dann der Fall, wenn die „Leitmedien“ sich geschlossen eines Themas annehmen, so dass auch der Letzte merkt, dass irgendetwas „im Busch“ ist.


Mangelt es an derartigen Problemen oder an dem entsprechenden öffentlichen Problembewusstsein, werden von Interessensvertretern oder den Medien gerne inhaltliche „Nebenkriegsschauplätze“ eröffnet oder „Nebelkerzen “ platziert.
Wie ist es anders zu verstehen, wenn gerade eine PKW-Maut das bestimmende Thema eines Bundeswahlkampfes sein kann?

Wenn man sich heute das Meinungsspektrum zur Rückkehr des Wolfes näher betrachtet, findet man oft die Mahnung, Wölfe sollten sich nicht unkontrolliert ausbreiten dürfen. Der deutsche Jagdverband (DJV) fordert zum Beispiel in seinem vor wenigen Monaten veröffentlichten „Positionspapier Wolf“ die „Verantwortlichen“ dazu auf, sich bereits heute damit zu befassen, …„wie die zunehmende Wolfspopulation künftig auf einem stabilen, den Lebensraumbedingungen angepassten Niveau gehalten werden kann.“ Hier ist sie erneut zu entdecken, die vermeintliche Furcht vor dem Kontrollverlust. Doch was eigentlich könnte genau hinter einer solchen Forderung stecken?

Kontrollierbare Natur?


Prof. Dr. Mieke Roscher, die an der Universität Kassel die deutschlandweit erste Professur für Tier-Mensch-Beziehungen innehat, beschreibt das in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung so:


…„Das erleben wir derzeit auch beim Wolf: Erst rotten wir ihn aus, dann wird er zu einer Art mystischen Figur, wir sehen ihn als schutzbedürftig an. Und nun, da er zurückkehrt, ist das Geschrei groß. Die Gefahr, die von diesen Tieren ausgeht, ist marginal. Aber da werden Urängste deutlich und, dass wir unsere Räume eigentlich abgesteckt haben. Der Mensch hat klar entschieden, in welchen Räumen sich Tiere noch frei bewegen dürfen. Wer sich nicht fügt, wird gejagt. Unter Berücksichtigung des deutschen Tierschutzgesetzes, versteht sich.“…


…um dann später im Interview zu ergänzen:

…„Hinter der Jagd stehen gewisse Allmachtsfantasien. In ihnen herrscht die Illusion vor, dass die Natur kontrollierbar ist. In dieser Welt sind Zoos auch die einzigen Orte, an denen Tiere geschützt überleben können, während die Wildnis dafür nicht mehr geeignet ist. Wenn wir ehrlich sind, ist die dominante, über-den-Dingen-stehende Einstellung vieler Jäger also nicht nur eine Haltung der Zunft, sondern die der Menschheit.“ (*1)


Sieht es also – trotz der momentan positiven Umfragewerte – für das Schicksal der freilebenden Wölfe in Deutschland auf lange Sicht gar nicht rosig aus?


Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler


(Quelle: Zeit Online, www.zeit-online.de, Artikel am 7.8.2015 von Alina Schadwinkel: „Hinter der Jagd stehen Allmachtsfantasien“, abgerufen am 11.01.2016, hier der Link zum Artikel!)

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