Kerstin Plehwe: Die zweite Lektion!

…“Die zweite Lektion für einen Ranger lautet: totale Präsenz (auf Englisch: situational awareness). Dahinter verbirgt sich etwas hoch Spannendes. 


Ranger bewegen sich alleine oder mit ihren Gästen in freier Wildbahn. Und wie in jedem Lebensraum gelten auch in diesem bestimmte Regeln (die aber jetzt nicht mit der Regel Nummer eins zu vergleichen sind). Oft sind diese Regeln klarer und direkter in der Aussage als die komplexen Regeln eines Industrielands, einer Firma oder einer Familie. Die Regel der Savanne lautet: Fressen oder gefressen werden. Die Variationen der Regel lauten: Der Schnellere siegt über den Langsameren. Der Stärkere über den Schwächeren.

Natürlich gilt das, zumindest zum Teil, auch in vielen Bereichen unserer Gesellschaft. In Unternehmen, in zwischenmenschlichen Beziehungen, im Sport oder auch im globalen Wettbewerb der Länder untereinander. Allerdings gibt es einen Unterschied, und der ist gravierend:

Wer den Marathon verliert, bezahlt nicht mit seinem Leben dafür. Und hier ist die Natur anders. Brutaler. In der Natur existieren beim Kampf ums Überleben wenig Grauzonen, und das vereinfacht Entscheidungen. Entweder der Ranger trifft den angreifenden Büffel tödlich – oder sein Leben (und das seiner Gäste) ist im Zweifel vorbei. Entweder das Löwenrudel erlegt das Zebra und ernährt so das ganze Rudel – oder es muss hungern. Löwinnen im Team sind in rund dreißig Prozent ihrer Angriffe erfolgreich. Der Rest ist Mathematik.

Die Fähigkeit der totalen Präsenz hilft dem Ranger, gefährliche Situationen frühzeitig zu erkennen beziehungsweise zu vermeiden. Beispielsweise gibt es wenige Dinge, die auch erfahrene Ranger mehr erschrecken als ein Zusammentreffen von Gästen zu Fuß mit einer Büffelherde. Situational awareness verhindert das, denn es sind unübersehbare Zeichen vorhanden, noch weit bevor die Büffelherde in Sicht ist.

Es ist die Fähigkeit, alles um einen herum wahrzunehmen, was auf eine gefährliche Situation in der Zukunft schließen lässt: Gerüche, Fußspuren, umgeknickte Halme oder Äste, auffliegende Vögel und vieles anderes. Ein Ranger-Anwärter, der das nicht kann, bracht erst gar keine Prüfung abzulegen, so wird es uns gesagt. Das wäre dann so, als ob man in der Fahrprüfung über eine rote Ampel fährt.

Wer die Signale des Buschs nicht zu erkennen vermag, kann kein Ranger werden.“…

Die oberste Ranger-Regel, die Wolfsmonitor bereits von Kerstin Plehwe veröffentlichte, finden Sie hier!

Zitiert aus dem Buch „Die Weisheit der Elefanten – Was ich als Rangerin im Krüger- Nationalpark fürs Leben lernte“ von Kerstin Plehwe, erschienen 2013 im Piper Verlag München/Berlin, aktualisierte Taschenbuchausgabe 2015, Seite 53 f., für weitere Informationen klicken Sie bitte auf nachfolgendes Buchcover:

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