Land Niedersachsen verordnet Verhaltenskodex für Wolfsberater

Noch keiner von ihnen weiß, was haargenau drinsteht. Und dennoch gibt es bereits Unruhe. Den über 100 niedersächsischen Wolfsberatern wurde am Dienstag auf ihrem jährlichen Treffen angekündigt, dass ihnen in Kürze ein Verhaltensleitfaden mit der Bitte zugehen wird, diesen zu unterschreiben.

Bereits im Januar sprach Umweltstaatssekretärin Almut Kottwitz von diesem Schritt und begründete ihn damit, dass sich die Wolfsberater künftig in Zurückhaltung üben und keine vorschnellen Bewertungen bei vermeintlichen Wolfsübergriffen abgeben sollen.

Weil das in der Vergangenheit nicht immer gut funktionierte und zeitweise für Aufsehen sorgte, soll nun dieser Leitfaden regeln, wie sich Wolfsberater zu verhalten haben, was von ihnen erwartet wird und wo ihre Grenzen liegen.

Die Reaktion der Wolfsberater darauf war eindeutig, wie Ulrike Kressel in einem Beitrag für den NDR schreibt. (*1)

Theo Grüntjens, zum Beispiel, weiß als Sprecher der niedersächsischen Wolfsberater im Arbeitskreis Wolf noch nicht, ob er das Papier unterschreiben wird. Er hält so einen Leitfaden in Zeiten, in denen einigen Wolfsberatern per se unterstellt wird, sie würden Fakten über die Wölfe schönen, für eine falsche Botschaft.

Klaus Bullerjahn, Wolfsberater im Landkreis Uelzen, weist in seinem NDR-Statement darauf hin, dass nur derjenige eine Richtung vorgeben solle, der selbst eine habe. Er vermisse bis heute eine offizielle Antwort vom Ministerium auf die Frage, ab wann ein Wolf eigentlich als verhaltensauffällig anzusehen ist.

Wolfsberater Helge John aus dem Landkreis Celle wird sich keinen „Maulkorb“ verpassen lassen. Er beurteilt die Aktivitäten des Ministeriums dahingehend, dass von dort versucht werde, die Aussagen der Wolfsberater der Presse und der Öffentlichkeit gegenüber ein Stück weit zu kanalisieren.

Kommentar:

Die Wolfsberater sind es in der Regel, die als erstes an Ort und Stelle sind, wenn es einen vermeintlichen Wolfsübergriff auf ein Nutztier gegeben hat. Häufig sind sie es deshalb, von denen bereits unmittelbar am Ort des Geschehens eine erste öffentliche Stellungnahme erwartet wird. Viele von ihnen halten darüber hinaus publikumswirksame Vorträge, die oft sehr gut besucht sind und ein anschließendes Presseecho entfalten.

Nicht selten finden sie ihre nicht immer sorgsam gewählten Worte wenige Stunden später im Internet und einen Tag später in der Zeitung wieder.

Einige schossen dabei jedoch augenscheinlich übers Ziel hinaus. Sie gaben Empfehlungen und Einschätzungen ab, wie ihrer Meinung nach mit den Wölfen verfahren werden sollte. Manchmal war ein Wolf deshalb schnell ein Problemwolf.

Das Ministerium bewertete diese Beiträge dort, wo die Empfehlungen nicht mit der offiziellen Sichtweise übereinstimmten, verständlicherweise als Kompetenzüberschreitung.

Dazu kommt: Das Wolfsmonitoring wird in Niedersachsen von der Landesjägerschaft organisiert. Und so sind es zu einem nicht geringen Anteil Jäger, die als Wolfsberater zum Einsatz kommen. Das Ministerium selbst hat deshalb nur mittelbaren Einfluss auf die Aktivitäten der einzelnen Wolfsberater vor Ort.

Ein gewachsenes „Berufsethos“, wie es in anderen Berufen nicht unüblich ist, gibt es für die noch relativ junge und zudem ehrenamtliche Aufgabe selbstverständlich noch nicht. Nun soll deshalb ein Regelwerk helfen, optimales Verhalten zu gewährleisten.

Daran kann man grundsätzlich nichts Anstößiges finden. Die Krux ist nur: Man hat diesem Papier von vornherein das Prädikat „Verhaltenskodex“ verpasst, was im Vergleich zu einem „Leitfaden“ viel verbindlicher klingt und wohl auch ist.

Ulrike Kressel vom NDR schreibt, darin seien „Rechte und Pflichten“ geregelt, die durch die abschließende Unterschrift unter das Regelwerk verbindlich werden. Ein Fehlverhalten könnte dann künftig konkrete Folgen haben, zum Beispiel die Entbindung von der ehrenvollen Aufgabe als Wolfsberater.

Musste man so weit gehen?

Vielleicht kann der „Verhaltenskodex“ als sichtbares Zeichen einer grundlegenden Misstrauenskultur zwischen den Beteiligten gewertet werden?

Vielleicht aber auch als hilfloser Versuch des Ministeriums, einer unzulänglich funktionierenden Kommunikationsstruktur zwischen den Wolfsmanagement-Verantwortlichen Herr zu werden, also der Jägerschaft, den Wolfsberatern, dem Wolfsbüro und dem Ministerium?

Wenn tatsächlich durch diesen Kodex Fehler im Strickmuster des Wolfsmanagements bereinigt werden sollen, dann ist das vermutlich zuallererst dem Strickmuster selbst, sprich der bisherigen Organisationsstruktur und der sich daraus ergebenden Kommunikationskultur anzulasten.

Die Wolfsberater, die ich kenne (das sind nicht wenige) sind –  so würde ein Bayer sagen – durchweg „gestandene Mannsbilder“.

Deshalb würde es mich nicht wundern, wenn einige von ihnen – hätten sie auch nur den leisesten Verdacht, man würde ihnen damit einen „Maulkorb“ verpassen – das Vertragswerk einfach nicht unterschreiben. Verloren hätte dann am Ende das Ministerium selbst.

Eleganter wäre es vermutlich gewesen, man hätte die Wolfsberater rechtzeitig und konsequent in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit geschult und ihnen eindringlich  – jedoch ohne Vertragswerk – vermittelt, was von ihnen erwartet wird und wo dabei die entsprechenden Grenzlinien verlaufen.

Hätte man dabei an ihre „Ehre“ appelliert, dann wäre das vermutlich nicht weniger Erfolg versprechend gewesen, als sie nun zu verpflichten, ein Vertragswerk zu unterzeichnen. Man hätte damit vermutlich die Grundlage für einen „Ehrenkodex“ geschaffen und sich den „Verhaltenskodex“ sparen können.

Um am Ende jedoch alle Fehlurteile und unpassende Stellungnahmen der Wolfsberater wirksam zu unterbinden, ist eine verlässliche Linie nötig, die Orientierung bietet.

Hier mangelt es offensichtlich. Und daher verwundert es nicht wirklich, dass ein Wolfsberater, der oft schon am Tatort von Reportern mit Fragen gelöchert wird, dieses Vakuum im Zweifel mit eigenen Ansichten füllt.

Denn wer will sich schon ernsthaft öffentlich die Blöße geben, die Frage eines Reporters nicht beantworten zu können? Auch das könnte ja schließlich am nächsten Tag in der Zeitung stehen!

Der „Verhaltenskodex“ wirkt somit auf mich persönlich wie eine „Krücke“ für die nicht ausreichend gemachten Hausaufgaben im Ministerium. Hier gibt es meiner Ansicht nach noch hinlänglichen Handlungs-, Kommunikations- und mitunter auch Schulungsbedarf.

Liege ich mit dieser vorläufigen Einschätzung richtig? Ich weiß es nicht. Denn auch ich kenne die Inhalte des Leitfadens noch nicht!

Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler

(Quelle: (*1) NDR, www.ndr.de, Artikel von Ulrike Kressel vom 20.4.2016: „Land verordnet „Verhaltenskodex“ für Wolfsberater“, abgerfufen am 21.4.2016, hier der Link!)

 

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