Farley Mowat: Im Bann der Wölfe…

„…Ursprünglich wollte ich eine Satire über ein ganz anderes Tier schreiben – nämlich über die eigentümliche Abart der menschlichen Rasse, die unter dem Namen Bürokrat firmiert.


 

Der Wolf sollte nur als Folie für die Ausführungen über den homo bürokratis dienen – diese Missgeburt unserer Zivilisation, der, obgleich er ein in der Gewohnheit erstarrter engstirniger Pfennigfuchser und bildungsfeindlicher Ignorant ist und schon an den läppischsten praktischen Sachverhalten scheitert, sich dennoch als einzig legitimierter Inhaber der nackten Wahrheit betrachtet und sich folglich zum selbsternannten Richter über die Angelegenheiten der Menschen erhebt.

In bewusst böser Absicht machte ich mich daran, diese neuen Herrscher zu entlarven, oder vielmehr, ihnen Gelegenheit zu geben, sich selbst bloßzustellen. Doch schon nach den ersten Kapiteln des Buches stellte ich fest, dass ich das Interesse an den bürokratischen Hanswurstiaden verloren hatte. Ohne mein Zutun hatte mich meine ursprüngliche Nebenfigur mehr und mehr in ihren Bann gezogen, der Wolf.

Schließlich nahm mir der Wolf das Buch ganz aus der Hand, sodass es zu einem eindringlichen Appell wurde, ein außergewöhnlich hoch entwickeltes und attraktives Tier zu verstehen und zu erhalten, das heute wie gestern von den blutrünstigen Neigungen und der totbringenden Feindschaft des Menschen bis hin zur Ausrottung verfolgt wird.

Ein Sommer mit Wölfen wurde von den zuständigen Behörden nicht gerade erfreut aufgenommen. Da ich nie etwas anderes schreibe als die Wahrheit und weil ich der Ansicht bin, dass der Humor selbst auf dem nüchternen Gebiet der Wissenschaft durchaus seine Berechtigung hat, wurde das Buch von vielen Experten als völlig erfundene Geschichte verspottet. Sie bestritten sogar, dass der Bericht auf den Erfahrungen von zwei Sommern und einem Winter beruhe, die ich in der Arktis in engster Nachbarschaft mit Wölfen verbracht habe.

Heute ist es mir eine kleine Genugtuung festzustellen, dass nahezu jedes Verhaltensmerkmal der Wölfe, das ich beschrieben habe, inzwischen von der „anerkannten“ Wissenschaft bestätigt worden ist. Leider wird meine Hauptthese – dass der Wolf weder eine Bedrohung für das übrige Wild noch eine Gefahr oder ein ernst zu nehmender Rivale des Menschen ist – immer noch weitgehend abgelehnt. …“

(Quelle: Farley Mowat: „Ein Sommer mit Wölfen“, 5. Auflage März 2014, veröffentlicht im Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbeck bei Hamburg, Dezember 1986, das Original  erschien im September 1963 in Toronto, weitere Informationen zum Autor und zum Buch finden Sie nach einem Klick auf das nachfolgene Buchcover!)

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