Auf der Suche nach „echten Wolfsexperten“

Erst einmal: Ich respektiere Elli H. Radinger für ihren persönlichen Einsatz zum Schutz der Wölfe. Die ehemalige Rechtsanwältin ist für viele Menschen in Deutschland außerdem ein Vorbild darin, das Leben nicht zu träumen sondern seinen Traum zu leben. Dennoch bin ich gerade etwas irritiert.
Ich las soeben ein Interview auf der Seite des „Freundeskreises freilebender Wölfe e.V.“ mit ihr und bin erstaunt über so einige Äußerungen der „Grande Dame“ des Wolfsschutzes. Seit Jahrzehnten beschwört Radinger in aller Öffentlichkeit die Harmlosigkeit des Wolfes und gerade jetzt, wo die Bundesländer sich ernsthaft bemühen, ein funktionierendes Wolfsmanagement aufzustellen, scheint es so, als trete sie diese Bemühungen mit ihren Füßen. Sie beklagt sich offen darüber, dass mit der zunehmenden Zahl an Wolfsbetreuern und Wolfsberatern zu viele selbsternannte und unerfahrene „Experten“ in Deutschland unterwegs seien. So viele, dass sie selbst allmählich den Überblick verliere. Sie wünsche sich wegen der aus ihrer Sicht oft unqualifizierten Äußerungen dieser Freiwilligen in den Medien, dass diese endlich einmal durch „echte Experten“ geschult würden.


Kommentar:
Nun ist das so eine Sache mit den „echten“ Wolfsexperten in Deutschland, die Frau Radinger fordert. Die darf man sich gerne wünschen, nur – es gibt neben einigen mehr oder weniger anerkannten „Meinungsführern“ in den Medien so gut wie keine. Die gewünschte Expertise kann sich erst schrittweise mit der Ausdehnung und dem Anwachsen der Population und den damit verbundenen Erfahrungen über das Wolfsverhalten in unserer dicht besiedelten Kulturlandschaften entwickeln. Darum ist es ein richtiger Schritt der Länder, Monitoringfachleute mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu schulen und danach „ins Feld zu schicken“, damit sie schnell Erfahrungen sammeln. Und weil es heute noch so aussieht, als mangele es an „aktiven“ Elementen im Wolfsmanagement- und Monitoringportfolio, insbesondere dann, wenn ein Wolf „auffällig“ wird, kann die Aufgabe der freiwilligen Wolfsberater in den Ländern sich auf Dauer nicht auf das durch die EU vorgegebene Sammeln und Dokumentieren wissenschaftlicher Wolfshinweise beschränken. Effektives Wolfsmanagement braucht handlungsfähige Experten vor Ort, ein zentrales Kompetenzzentrum irgendwo in Deutschland – wie es zurzeit von einigen gefordert wird – kann die lokale Handlungsfähigkeit und das örtliches Know-how niemals ersetzen, höchstens die Wolfsbürokratie weiter „aufblasen“.


Es klingt deshalb in meinen Augen befremdlich, wenn sich jemand wie Elli H. Radinger, die sich bekanntermaßen im weit entfernten Amerika der Freilandforschung widmet, quasi per „Ferndiagnose“ despektierlich über die ersten Schritte im deutschen Wolfsmanagement äußert. Und das, obwohl – wie Radinger selber zugibt – Deutschland nicht „ihr Revier“ sei. Die Äußerungen Radingers wirken deshalb ein wenig auf mich, als würde sich Arnold Schwarzenegger in die Innenpolitik Österreichs einmischen. Es ist halt so, dass deutsche Verhältnisse nur schwer mit amerikanischen Gegebenheiten vergleichbar sind, auch wenn einige dies gerne so sähen.


Radinger fordert, den Wolf in Deutschland in Ruhe zu lassen. Betrachtet man ihre bisherigen Arbeiten –setzt sie dabei vermutlich auf die Zeit, die bekanntlich „alle Wunden heilt.“ In einem ihrer Bücher ist zu lesen: „Ein wenig bedachter, aber sehr wichtiger Faktor ist die Zeit. Denn Studien haben bewiesen, dass Menschen ihre Angst vor dem Wolf verlieren, je länger sie sich an die Nähe dieser Tiere gewöhnt und festgestellt haben, dass ihnen dadurch keine Gefahr droht.“ (Elli H. Radinger, Wolfsangriffe – Fakt oder Fiktion, 2. Auflage, Wetzlar 2013, S. 111) Wohl deshalb äußert sie im Interview, sie wünsche sich für die Wölfe, „dass die Menschen sie einfach nur in Ruhe lassen, ihnen nicht hinterherlaufen, weil sie sie so toll finden, oder sie verscheuchen wollen, sondern dass sie sie einfach in Ruhe ihr Leben leben lassen.
Dasselbe wünschen sich viele Mitbürger auch von den Wölfen.

Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler

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