Dauer der DNA-Analysen beschädigt das Image von Politik und Wolf – These 8

These 8: Die DNA-Nachweise müssen schneller bearbeitet werden, die Ergebnisse früher vorliegen. Dies zu gewährleisten, dürfte vornehmlichste Aufgabe der Verantwortlichen sein, noch vor der Einrichtung eines „Bundeskompetenzzentrums“.


Eigentlich könnte diese These, da sie selbsterklärend ist, auch als Forderung an die politischen Verantwortlichen formuliert werden, legt man ihren Anspruch an das Wolfsmanagement – die Akzeptanz der Bevölkerung und insbesondere der Nutztierhalter gegenüber dem Wolf zu stärken und ein möglichst konfliktarmes Nebeneinander von Mensch und Wolf zu ermöglichen – zugrunde.   Als im April 2015 die These auf diesem Wolfsblog formuliert wurde, war zwar allenthalben von einem „Bundeskompetenzzentrum Wolf“ die Rede, Einzelheiten dazu waren jedoch noch nicht bekannt. Einen Monat später dann, Ende Mai, verkündete Bundesumweltministerin Barbara Hendricks schließlich die Einrichtung einer „Beratungs- und Dokumentationsstelle Wolf“ auf der Ebene des Bundes. Wie die Organisation und das Aufgabenspektrum dort aussehen werden, bleibt jedoch vorerst abzuwarten. Deshalb besteht die Forderung dieser These, schnellere DNA-Analysen zu gewährleisten, vorerst weiter.


Ziele der DNA-Analysen
Mit den DNA-Nachweisen verfolgt man im Wolfsmanagement im Wesentlichen zwei kurz zusammenfassbare Ziele. Das erste Ziel betrifft die Wildtierbiologie. Ihr Bemühen ist es, die Herkunft, die Ausbreitung und auch die Nahrungszusammensetzung der Wölfe in ihren jeweiligen Lebensräumen festzustellen und wissenschaftlich zu dokumentieren. Man weiß, seitdem man Wolfslosungen zuerst mikroskopisch untersuchte und gegebenenfalls eine DNA-Analyse anschloss, ziemlich gut über das Beutespektrum der Wölfe Bescheid. So ist heute transparent, dass Nutztiere in Deutschland üblicherweise weniger als 1% der Wolfsnahrung ausmachen und dass heimische Rehe mit rund 50 % der Hauptnahrungsbestandteil der Rückkehrer ist (Quelle: Wolfsregion Lausitz, hier der Link). Nicht zuletzt ist es den genetischen Analysen außerdem zu verdanken, dass die deutschen Wolfsvorkommen als eigenständige Population, bezeichnet als „Zentraleuropäischen Tieflandpopulation“, gesehen wird. Die genetische Abstammung der Wölfe in Deutschland von der baltischen Wolfspopulation ist zwar unbestritten, dennoch können die heimischen Wölfe wissenschaftlich als eigenständige Population betrachtet werden, da sie eigene Merkmale aufweisen und von den baltischen Wolfsvorkommen genetisch problemlos unterschieden werden können.


Das zweite Ziel wird mit dem Wolfsmonitoring verfolgt. Als übergeordnete Absicht der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie, kurz FFH-Richtlinie, wird das Erreichen und Erhalten von „günstigen Erhaltungszuständen“ für alle Habitate und Arten von europäischem Interesse verfolgt. Zur Feststellung, ob diese Intention erreicht wird, sind die europäischen Mitgliedstaaten aufgefordert, einzeln aufgeführte „Arten prioritärer Bedeutung“- zu denen alle Großraubtierarten gehören – auf Basis der „Leitlinien für Managementpläne für Großraubtiere auf Populationsebene“ (LINNELL u.a.,2008 – eine nicht autorisierte deutsche Sprachversion ist als Link beigefügt)* zu überwachen. Deshalb werden Daten über die Größe und den Wachstumstrends der Wolfspopulationen in Europa, zu ihrer Verbreitung, zu ihren Verbindungen zu anderen Populationen, zur Verfügbarkeit von geeignetem Lebensräumen sowie dessen Qualität und zu ihrer Gefährdung im Rahmen des Monitorings erhoben. Die Monitoringergebnisse, die in Deutschland jedes Bundesland für sich erhebt, werden alljährlich in einem gesamtdeutschen Gremium erörtert und alle sechs Jahre an die Europäische Kommission in Brüssel berichtet.

Teilweise monatelange Bearbeitungszeit
Die DNA-Analysen der Wölfe und Nutztierrisse werden üblicherweise vom „Institut Senckenberg – Wildtiergenetik-Forschungsstation“ in Gelnhausen bearbeitet. Dieses Institut wurde vom Bundesamt für Naturschutz (BfN) als Referenzlabor für Wolfsgenetik ausgewählt und wird als solches von allen Bundesländern anerkannt. Es zeigte sich allerdings zuletzt, dass durch die monatelangen Bearbeitungszeiten einiger Proben wertvolle Zeit verstreicht. Zeit, die der medialen Öffentlichkeit Tür und Tor für Spekulationen darüber öffnet, ob Wölfe an Nutztierrissen beteiligt sind oder ob sie einen neuen Landstrich besiedelt haben (Folgender Link verweist beispielhaft auf die Liste der Nutztierrisse in Niedersachsen. Diese beweist, dass selbst im Juni 2015 noch Analyseergebnisse aus dem Dezember des Vorjahres ausstehen).

Während dieser langen Analysephase besteht für die Betroffenen und Verantwortlichen Unsicherheit. Wichtige Entscheidungen, wie zum Beispiel die Aufnahme einer niedersächsischen Region in die „Förderkulisse Herdenschutz“ verzögern sich, abgesehen von (zu) langen Wartezeiten für die Schadensausgleichszahlungen bei Nutztierrissen. Die Ernsthaftigkeit der politisch ausgegebenen Parole, die Akzeptanz der Bevölkerung und insbesondere der Nutztierhalter gegenüber dem Wolf zu stärken und ein konfliktarmes Nebeneinander von Mensch und Wolf zu ermöglichen, wird – als Ergebnis – immer häufiger in Zweifel gezogen. Der Imageschaden für die Politik ist enorm und für den Wolf kaum reversibel. Das ist schade und häufig unnötig, weil sich in rund der Hälfte aller untersuchten Fälle nicht Wölfe als Verursacher von Haus- und Nutztierrissen herausstellen, sondern andere Beutegreifer oder wildernde Hunde.


Beschleunigung durch Bundeszuständigkeit möglich?
Der Umweltminister des Landes Niedersachsen, Stefan Wenzel, reagierte nun kürzlich auf diesen „Missstand“, wie einer Pressemitteilung seines Ministerium vom 28. Mai entnommen werden kann: Dort steht zu lesen:

„… Die Verfahren und Abläufe zur Feststellung der Verursacher von Nutztierrissen sollen beschleunigt werden. Dabei wird insbesondere geprüft, inwieweit die Rissbegutachtung durch die Hinzuziehung von Veterinären der Landkreise (zum Beispiel in Tierkörperbeseitigungsanstalten) erfolgen kann und so in der Regel die amtliche Feststellung des Verursachers allein auf Grundlage des Rissgutachtens des Veterinärs erfolgen kann. Auch die Beschleunigung von DNA-Analysen durch ein Institut des Niedersächsischen Landesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) wird geprüft….“ (hier der Link zur vollständigen Pressemeldung).

Ob diese Maßnahmen in Niedersachsen allerdings ausreichend sein werden und die LAVES-Prüfung erfolgreich sein wird, bleibt abzuwarten. Die anvisierten Schritte weisen allenfalls in die richtige Richtung. Ratsam wäre jedoch, eine Ausweitung der DNA-Analysekapazitäten unter Federführung des Bundes im gesamten Bundesgebiet herbeizuführen. Nach Ansicht von Wolfsmonitor wäre dieser Schritt sogar noch wichtiger, als die angekündigte zentrale „Beratungs- und Dokumentationsstelle Wolf“ zeitnah einzurichten. Allein deshalb, weil zu erwarten ist, dass durch die ansteigende Wolfspopulation die Anzahl der zu untersuchenden DNA-Proben weiter ansteigen wird. Es wäre deshalb anzuraten, die „Beschleunigung der genetischen Wolfsanalysen“ in Deutschland zu einem Handlungsfeld dieser neuen zentralen Beratungsstelle werden zu lassen!


Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler

 


  • Quelle dieses öffentlich zugänglichen Dokuments ist die Webseite www.kora.ch. Auf der Seite 20 dieses Dokuments, das mit einem sehr aussagefähigem Tabellenwerk zu den Großraubtiervorkommen in Europa versehen ist, findet sich außerdem eine Erklärung darüber, warum die Zahl 1000 für eine „günstige Referenzpopulation“ verwendet wird.

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