Verpasst die Jagd ihre Zukunft? – These 9

These 9: Die Rolle der Jäger muss im Wolfsmanagement neu definiert werden, denn es wird nicht ohne die Jäger gehen. Wer in heutiger Zeit als Jäger auf dem öffentlichen Parkett unterwegs ist, merkt schnell, dass er sich auf ziemlich dünnem Eis bewegt. Der Schwund an öffentlicher Anerkennung für die Ausübung der Jagd ist seit geraumer Zeit vor allen in den Städten dieses Landes spürbar, ein Schicksal, das nicht allein den Landwirten vorbehalten bleibt. Über die Gründe zu spekulieren, warum das so ist, ist müßig und an dieser Stelle nicht zielführend. Allerdings lässt sich vermuten, dass die Innovationsverzagtheit des größten deutschen jagdlichen Dachverbandes, des Deutschen Jagdverbandes (DJV), einen Teil dazu beigetragen haben könnte.


Mit dem kürzlich auf dem Bundesjägertag „verabschiedeten“ Positionspapier „Zur Rückkehr des Wolfes nach Deutschland“ (hier der Link) hat der DJV jetzt noch „einen draufgesetzt“. Wer „zwischen den Zeilen“ lesen kann, muss den Eindruck gewinnen, dass die Jagdfunktionäre dieses Verbandes über alle halbwegs begründbaren Umwege versuchen, schnellstmöglich die legale Bejagung von Wölfen in Deutschland herbeizuführen. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, dass nun alle Jäger diese Ansicht unterstützen.


Positionsbestimmung

Dem nun veröffentlichten Positionspapier ging vor rund einem Jahr ein schlankeres „Eckpunktepapier“ voraus, das der Jäger, Autor und WELT-Kolumnist Eckhard Fuhr bereits in seinem lesenswerten Buch „Rückkehr der Wölfe“ wie folgt bewertete:

„Offenbar können Jagdfunktionäre im Wolf nur einen Problemwolf sehen“….“Und vergeblich sucht man in diesem deprimierenden Text ein Anzeichen dafür, dass Jäger den Wolf als Anlass verstehen könnten, ihr Verständnis von Jagd und ihr Selbstverständnis als Jäger einmal grundsätzlich zu überdenken.“

Zum Ende desselben Kapitels resümiert Fuhr schließlich:

„Man sieht, der Wolf bietet Anlass, Jagd und Hege, oder nennen wir es Wildmanagement, in den Mittelpunkt einer gesellschaftlichen Debatte zu rücken. Diejenigen, die das hauptsächlich angeht, die Jäger, gehen aber dabei nicht voran, sondern igeln sich ein. Die meisten jedenfalls.“… „So verpasst die Jagd ihre Zukunft.“

(Quelle: Eckhard Fuhr, Rückkehr der Wölfe, München 2014, S. 110 ff. –  weitere Infos auf der Wolfsmonitor-Bücherseite)


Haben sich die Jagdfunktionäre der damaligen Kritik gestellt und mit dem nun veröffentlichten Strategiepapier etwas zum Positiven verändert? Das ist nicht erkennbar, gleicht das Positionspapier doch eher einem an die Politik gerichteten Forderungskatalog. Konnte man seinerzeit im Eckpunktepapier noch eine „Schlussformel“ lesen, die da lautete: „Die Jägerschaft wird ihren gesellschaftlichen Beitrag zum Erhalt der Wolfspopulation in Deutschland leisten und unterstützt sowohl Monitoring als auch Grundlagenforschung zum Wolf“, so ist davon im aktuellen Papier nichts mehr zu finden. Die Verbandsspitze hat somit eine weitere Gelegenheit verpasst, das eigene Selbstverständnis kritisch zu hinterfragen und zukunftsweisend auszurichten. Die Delegiertenversammlung stimmte dem Papier dennoch zu. Es scheint, als bleibe das deutsche Jagdwesen in seiner rückwärtsgerichteten Selbstpositionierung weiter zwischen Tradition und jagdlichem Brauchtum gefangen. Leider wird so der weiteren gesellschaftlichen Polarisierung Vorschub geleistet und das Jagdwesen noch mehr als bisher ins Abseits gedrängt.


Ohne Jäger geht es nicht?
Auf dieser Webseite wird – bar jeglicher weiteren jagdpolitischen Diskussion – die These vertreten, dass das Management der Wölfe trotzdem nicht ohne Jäger funktionieren kann. Die Begründung dafür setzt jedoch anderswo an, nämlich bei der Frage, wo und wie überhaupt jagdliches Fachwissen im Wolfsmanagement hilfreich sein könnte.


Das in Deutschland vorhandene Reviersystem jedenfalls ist durch dessen Struktur zunächst einmal wenig hilfreich dabei, betrachtet man die Größe der üblichen Streifgebiete von Wolfsrudeln. Ein Wolfsrevier hat üblicherweise eine Große zwischen 100 bis 350 Quadratkilometern, umgerechnet also 10.000 bis 35.000 Hektar. Bei einer angenommenen durchschnittlichen Größe von 300 Hektar je Jagdrevier, benötigen die Wölfe eines Rudels einen Lebensraum, der die Größe von mindestens 33 bis hin zu 117 Jagdrevieren hat. Welchen Einfluss ein Rudel dabei auf das in diesen Jagdrevieren vorhandene Schalenwild nimmt, steht weitestgehend wissenschaftlich fest. Ungefähr 2 Hirsche, Rehe oder Wildschweine fallen den Wölfen pro Jagdrevier und Kalenderjahr als Beute zum Opfer. Mal abgesehen davon, dass allein die Größe dieser Streifgebiete die Schwierigkeit einer gezielten Entnahme eines vermeintlich „verhaltensauffälligen Einzelwolfes“ aufzeigt, wird durch die dargestellten Reviergrößen deutlich, welcher organisatorische Aufwand betrieben werden muss, um ein Wolfsrudel einigermaßen aussagekräftig zu monitoren.


Zentrale Chance

Hier liegt allerdings auch die zentrale Chance, da alle zusammenhängenden Grundflächen Deutschlands – soweit sie nicht „befriedet“, also von der Jagd ausgenommen sind – einem Jagdrevier angehören. In Niedersachsen sind das zum Beispiel 84% der Landesfläche. Würden alle Revierinhaber sich nun mit ihren Jagdaufsehern und ständigen Jagdbegleitern aktiv an der Überwachung des Wolfsbestandes beteiligen, ließen sich aussagekräftige Monitoringergebnisse flächendeckend und auch vergleichsweise kostengünstig erheben und als Grundlage für ein zeitgemäßes Wildtiermanagement verwenden. Erste Ansätze in diese Richtung gab es bereits um die Jahrtausendwende herum mit dem prototypischen Projekt „Wildtier-Informationssystem der Länder Deutschlands (WILD)“, das der oben noch gescholtene DJV seinerzeit maßgeblich unterstützte. Man kam damals zu der Erkenntnis, dass die „Streckenergebnisse“ (erlegtes Wild) allein nicht als Indikator für die noch lebenden Wildtierbestände und –besätze ausreichen (eine Tatsache, die ohnehin viele logisch denkende Menschen irritierte und noch irritiert). Mit einer Neuauflage dieses Projekts unter besonderer Berücksichtigung aller Wolfsgebiete in Deutschland könnte der Deutsche Jagdverband sicherlich einen großen Teil seiner Glaubwürdigkeit in der Gesellschaft zurückgewinnen. Sein Status als anerkannte Naturschutzorganisation würde untermauert – doch das wird aller Voraussicht nach eine Vision bleiben.


Auf die Schwierigkeiten, die auftreten können, wenn jedoch von der Option der flächendeckenden Einbeziehung der Jäger in das Wildtiermonitoring keinen Gebrauch gemacht wird, deutet die bereits an anderer Stelle vorgestellte Bachelorarbeit von Verena Schöler (hier der Link) hin, die dem Leser ein realistisches Gefühl dafür vermittelt, wie schwierig und hoch der Aufwand für ein Monitoring auf wissenschaftlicher Basis letztlich sein kann.


Hoher Aufwand und mangelnde Akzeptanz
Vielleicht wird sich der ein oder andere Leser jetzt fragen, warum das flächendeckende Wolfsmonitoring durch die Jäger nicht längst schon praktiziert wird. Nun ja, das alles ist mit erheblichem Aufwand verbunden. Zusätzlichem Aufwand! Die Betreuung eines Jagdreviers ist ohnehin sehr geld- und zeitaufwändig und der Wolf dürfte – nach Ansicht zahlreicher Jäger – kein Ziel besonderer Bemühungen sein, weil er mit Ausnahme Sachsens nicht in das Jagdrecht der jeweiligen Bundesländer aufgenommen wurde und somit keiner besonderen „Hegepflicht“ unterliegt. Es muss ferner berücksichtigt werden, dass sich viele Jäger ohnehin nicht von der breiten Öffentlichkeit in ihrer Rolle akzeptiert sehen und sich nicht auch noch der zusätzlichen Gefahr aussetzen wollen, durch einen vermeintlich notwendigen Eingriff in die Wolfspopulation vollends gesellschaftlich ins Abseits zu geraten. Kann man es ihnen verübeln?


Lückenhafte Lichtblicke?
Dennoch gibt es gute Beispiele für ein jägerliches Wolfsengagement. In Niedersachsen zum Beispiel ist die Landesjägerschaft (LJN) Kooperationspartner der Landesregierung beim Aufbau und der Durchführung des Wolfsmanagements. Viele Jäger stehen dort für ein ehrenamtliches Engagement als Wolfsberater zur Verfügung. Das ist ebenfalls sehr zeitaufwändig und mit der einen oder anderen Anlaufschwierigkeit verbunden, wie an anderer Stelle auf Wolfsmonitor bereits beschrieben wurde. Zudem deckt die kleine Aufwandsentschädigung, die die Wolfsberater in Niedersachsen für ihre Arbeit erhalten, in der Regel die anfallenden Kosten oft nicht einmal halbwegs. Auch werden starke Nerven gebraucht. Denn mit dem Auf- und Abtauchen erster vermeintlich „verhaltensauffälliger“ Wölfe aus dem Munsteraner Rudel im Frühjahr 2015 wurde deutlich, dass die bis dahin aufgelegten Maßnahmen noch unzureichend waren. Der europaweit anerkannte und die „Large Carnivore Initiative for Europe“ beratende deutsche Wolfsexperte Ulrich Wotschikowsky stellte dazu fest:

„Was uns an allen Ecken und Enden fehlt, ist Sachverstand in Sachen Wolf. Der lässt sich nicht von heute auf morgen herbeizaubern. Es bleibt immer noch viel, sehr viel zu tun. Und das gilt nicht nur für Niedersachsen. Auch in anderen Ländern hält das Management nicht Schritt mit der Dynamik der Wolfsrückkehr.“

(Quelle: http://woelfeindeutschland.de/munster-die-menschen-wollen-taten-sehen – hier der Link)


Jäger verfügen über beste Voraussetzungen
Gerade die Jäger sind es aber, die neben den Wolfsforschern und Wildtierbiologen bereits die besten Voraussetzungen mitbringen, um sowohl das Wolfsmonitoring wie auch das Wildtiermanagement fachgerecht und mit Sachverstand zu unterstützen. Die meisten von ihnen können zuverlässig die Trittsiegel der Wildtiere „lesen“, ihre Bisspuren erkennen, sie alle sind im Wald- und Landbau geschult, eine Vielzahl von ihnen legen Hecken und Biotope an (und pflegen diese später) und nicht wenige von ihnen führen Hunde für die verschiedenen Jagddisziplinen und bilden diese selbst aus. Fast immer erkennen Revierinhaber kleinste Veränderung in ihrem jagdlichen Verantwortungsbereich – das Vorkommen und Wirken eines Wolfes oder eines Wolfrudels in einem Jagdrevier bliebe den Inhabern oder Pächtern deshalb nicht lange verborgen. Gibt es eigentlich bessere Voraussetzungen, um eine Wildtierart wie den Wolf bei seiner Rückkehr zu identifizieren und zu „begleiten“?


Woran mangelt es?

Die Ausgangsthese dieses Beitrags besagt, dass die Rolle der Jäger im Wolfsmanagement neu definiert werden muss. Nur wie? Was einigen Jägern dazu fehlt, ist die Einsicht, dass es sich bei dem Wolf in der Regel nicht um ein Problem, sondern um eine Herausforderung historisch-kultureller Art handelt. Und ja, manchmal fehlt auch die Akzeptanz, einen erfolgreichen Jäger neben sich im eigenen Revier zu dulden. Wir Deutschen machen uns jedoch international lächerlich, wenn wir über Jahrzehnte hinweg in wirtschaftlich wesentlich schwächeren Regionen dieser Erde den Schutz der großen Wildtierarten (Tiger, Nashorn, Elefant, etc.) fordern und fördern und dann selbst nicht einmal ernsthaft versuchen, mit einem halbwegs harmlosen Beutegreifer wie den Wolf in der eigenen Heimat zurechtzukommen. Denn eigentlich verfügen wir in Deutschland – im Gegensatz zu den beschriebenen ärmeren Ländern – über hervorragende Voraussetzungen, um die mit der Rückkehr des Wolfes entstehenden Herausforderungen locker zu meistern.


Keine Heimat für wolfsfreundliche Jäger
Soll das nun ein Aufruf dazu sein, den Wolf ins Jagdrecht zu übernehmen? Nein, sicher nicht! Das ist vermutlich auch völlig unnötig. Es handelt sich hier um einen Aufruf an alle Jäger, die der Wolfsrückkehr positiv gegenüberstehen, sich stärker als bisher zu engagieren! Dieser Beitrag soll als Appell an deren Courage verstanden werden – denn am Ende ist ein funktionierendes Wolfsmanagement ohne Jäger kaum vorstellbar. Die Jäger haben sich bisher allerdings überwiegend – mit Ausnahme derer, die sich als Wolfsberater engagieren – kaum in der Öffentlichkeit als Wolfsbefürworter zu erkennen gegeben und verfügen zudem über keinerlei Lobby innerhalb ihres eigenen Dachverbandes. Das beweist das kürzlich verabschiedete Positionspapier des DJV allemal. Von den Wölfen faszinierte Jäger gibt es aber trotzdem und zwar zahlreich. Einige von ihnen engagieren sich bereits heute neben ihren jagdlichen Aktivitäten in Vereinen und Verbänden, die sich dem Wolfsschutz in besonderer Weise verschrieben haben. Das tun sie, weil sie in ihrem eigenen Verband kaum eine ernstzunehmende Heimat für ihr Anliegen finden. Und dabei riskieren sie, ihre „Zweigleisigkeit“ ständig erklären zu müssen – sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Sie sind sich jedoch meistens dem Umstand bewusst, dass es beim Umgang mit dem Wolf um nicht weniger als um die künftige gesellschaftliche Akzeptanz der eigenen Zunft geht, ja, es geht sogar – um es mit Eckhard Fuhr zu sagen – um nicht weniger als „die Zukunft der Jagd“.


Wolfsfreundliche Jäger sollten sich vereinen
Was muss also geschehen? Die Antwort liegt auf der Hand, wenn man fragt, was eigentlich fehlt. Das scheint eine „Bottom- Up-Bewegung“ der Jäger zu sein, nicht zuletzt, damit die „Topleute“ in den Verbänden erkennen, dass mit einem „politischen Wolf“ letztlich niemandem gedient ist. Es fehlt eine wie auch immer geartete Gemeinschaft von Jägern, in der sich jeder Einzelne auch öffentlich dazu bekennt, den Wolf entsprechend der nationalen und internationalen Schutzstati (Washingtoner Artenschutzabkommen, Berner Konvention, Europäische FFH-Richtlinie und Bundesnaturschutzgesetz) zu schützen und seine Rückkehr über das übliche Maß hinaus zu unterstützen. Und zwar in einer Art und Weise, die weit über bereits bestehende einzelne Kooperationsmodelle zwischen Jägern und Managementverantwortlichen hinausgeht. Eine solche „Wolfscommunity“ kann innerhalb bereits bestehender Vereine entstehen – was die größte interne Wirkung entfalten würde – oder in einer neuen, eigenen Organisationsform. Sie sollte öffentlichkeitswirksam auftreten und für genau diese Öffentlichkeit ansprechbar sein, vertrauensbildend in alle Richtungen – insbesondere in Richtung der für das Wolfsmanagement Verantwortlichen – agieren und sich schließlich qualitativ dafür prädestiniert zeigen, die Aufgaben im Wolfsmanagement zu übernehmen, die weit über das Aufgabenprofil der zurzeit ehrenamtlichen Wolfsberater hinaus gehen und für die es bisher kaum Fachleute gibt (siehe These 4 – „Wolfscouts“). Dass eine solche Vision einer von Jägern getragenen Initiative kein Hirngespinst bleiben muss, beweist der noch junge Zusammenschluss der allerdings auf andere Ziele ausgerichteten jagdlichen Initiative „Für Jagd in Deutschland e.V. – Verein für nachhaltigen Wild- und Naturschutz.“


Ein vergleichbarer Zusammenschluss jagender Wolfsbefürworter wäre fortschrittlich und zukunftweisend. Der Deutsche Jagdverband e.V. hat sich in der letzten Woche leider für einen anderen Weg entschieden. Die Worte Eckhard Fuhrs aus dem letzten Jahr haben an Gültigkeit somit nichts eingebüßt und können nicht oft genug wiederholt werden: „So verpasst die Jagd ihre Zukunft!“  Schade eigentlich…

Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler

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