Wolfsmonitor – Zwischenfazit im Juli 2015

Die inhaltliche Grundlage dieses Blogs bilden 9 Thesen. Aufgereiht umfassen diese „Argumentationslinien“ rund 33 DIN-A-4-Seiten. Weil aber nicht jedem Besucher dieser Webseite zugemutet werden soll und kann, sich durch jeden Nebenaspekt zu wurschteln, habe ich mir vorgenommen, von Zeit zu Zeit ein Zwischenfazit zu ziehen. Im April 2015 wurde mit der Ausarbeitung der Thesen begonnen, heute, Anfang Juli 2015, möchte ich dem Leser eine erste kurze Zusammenfassung anbieten.


Eigentlich 10 Thesen

Eigentlich handelt es sich um 10 Thesen. Auf der Homepage, die ich zum Blogstart schaltete, habe ich im Leitartikel die These formuliert, dass sich das Schicksal der Wölfe in Deutschland in den nächsten drei bis fünf Jahren entscheiden wird. Ich habe mich dabei auf den noch unzureichenden Umgang mit vermeintlich „verhaltensauffälligen“ Wölfen und hier besonders auf die Vorgänge in Niedersachsen abgestützt. Obwohl dort zurzeit erste Schritte unternommen werden, den offensichtlichen Unzulänglichkeiten entgegenzuwirken, bleibe ich vorerst noch bei meiner Einschätzung. Vermutlich bereits im Herbst diesen Jahres, spätestens aber im Frühjahr nächsten Jahres, nämlich dann, wenn die Jungwölfe erneut auf die Wanderschaft gehen, wird abschätzbar sein, ob die Bemühungen im Niedersächsischen Wolfsmanagement fruchten.

Fehlender Maßstab

In der ersten These wies ich darauf hin, dass ein allgemein anerkannter und bekannter Maßstab dafür fehlt, ab wann ein Wolf „verhaltensauffällig“ ist. Mein Vorschlag, die „siebenstufige Geistsche Eskalationsspirale“, die sich an den Erkenntnissen des kanadischen und in Wolfskreisen nicht unumstrittenen Ethologen Valerius Geist ausrichtet, dazu zur Hilfe zu nehmen, traf nicht überall auf positive Resonanz. In einigen Telefonaten mit fachlich versierten Praktikern wurde mir der Vorschlag unterbreitet, die Erkenntnisse von Mark E. McNay hinzuzuziehen. McNay untersuchte seinerzeit zahlreiche der insgesamt jedoch überschaubaren Anzahl von Vorfällen in den USA, in denen Wölfe Menschen aggressiv begegneten. Sein Ergebnis, dass Wölfe eigentlich nur dann gefährlich werden, wenn sie habituiert – also an Menschen gewöhnt – oder futterkonditioniert – also von Menschen angefüttert wurden – lässt darauf schließen, dass Wölfe dann als auffällig gelten können, wenn sie ohne Scheu eine entsprechende Distanz zum Menschen unterschreiten, sich diesem also zu sehr annähern. Die derzeitige Beurteilung des Munsteraner Rudels scheint dieser Ansicht zu entsprechen. Sie nimmt allerdings billigend in Kauf – das ist meine Kritik daran – dass neugierige Jungwölfe damit schnell Opfer ihres natürlichen juvenilen Verhaltens werden können. Vielleicht liegt nun ein tragfähiger Lösungsansatz darin, beide Aspekte in die Gefährdungsanalyse einfließen zu lassen. Auf der Meta-Ebene könnte die „Geistsche Eskalationsspirale“ die Groborientierung – auf welcher Stufe im Habituierungsprozess man sich befindet – erleichtern. Sie bildet damit quasi als Hilfestellung die Kulisse für Einzelfallbetrachtungen im Wolfsmonitoring, um künftiges renitentes Wolfsverhalten bereits im Vorfeld zu identifizieren.
Die ergänzende Distanzmethode McNays eignet sich dann letztlich dazu, festzustellen, ob eine potenziell gefährliche Situation wirklich bevorsteht oder im Nachhinein bestanden hat. Ab der Stufe 4 der „Geistschen Eskalationsspirale“ wird der „Distanzfaktor“ somit zum tragenden Element der Gefährdungsanalyse.
Ich werde künftig mit der ebenfalls in der 1. These vorgestellten „Wolfsampel“ an Einzelbeispielen exemplarisch so verfahren.

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Worst-Case-Szenario

In der zweiten These habe ich verdeutlicht, warum sich professionelles Wolfsmanagement an Szenarien ausrichten muss. Das beinhaltet die Ansicht, dass Wölfe unter Umständen durchaus gefährlich werden können. Somit gehört – als gedankliche Vorwegnahme negativer Überraschungen – auch ein Worst-Case-Szenario zur Analyse, damit der operative Handlungsrahmen aller verantwortlichen Akteure im Wolfsmanagement bereits im Vorfeld eines Ereignisses geplant werden kann. Letztlich bedarf es eines entsprechenden Reaktions- und Notfallplans als Ergänzung zu den Managementplänen der Länder, wie ihn auch die NINA-Studie seinerzeit bereits nahelegte.

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Integrierendes Wolfsmanagement-Konzept

Die dritte These erläutert, warum ein integrierendes Managementkonzept gebraucht wird, das sich an den gemeinsamen Interessen aller Bevölkerungsgruppen und insbesondere auch an den ängstlichen Bevölkerungsteilen ausrichtet.

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Wolfsscouts

In der vierten These begründe ich, warum wir im Wolfsmanagement ein neues Expertenprofil brauchen, den „Wolfsscout“. Wolfsscouts verfügen in Ergänzung zu den derzeitigen Wolfsberatern über erweiterte Qualifikationen:


  • Sie sind in der Lage, Wolfsverhalten richtig zu deuten und angemessen nach außen zu kommunizieren,
  • Sie sind Spezialisten im Herdenschutz sowie Experten in der Vergrämung und der aversiven sowie appetitiven Konditionierung von Wölfen,
  • Sie können Wölfe „angemessen entnehmen“ und sind Praktiker der Distanznarkose. Sollte ein Wolf aufgrund seines abnormalen aggressiven Verhaltens „final entnommen werden müssen“, also abgeschossen werden müssen, nehmen das diese speziell dafür geschulten Experten vor,
  • Sie sind dazu ermächtigt, zu beurteilen, ob ein Wolf, der z.B. bei einem Verkehrsunfall schwer verletzt wurde, eingeschläfert werden muss und können das auch selbst tierschutzgerecht vornehmen,
  • Sie unterstützen wissenschaftliche Projekte der Freilandforschung, z.B. den Fang und die Besenderung von Wölfen
  • Sie erfassen in enger Zusammenarbeit mit den Jagdrevierinhabern den jeweiligen „Status Quo“ der lokalen Wolfsvorkommen in regelmäßigen Abständen,
  • Sie bilden Wolfsspürhunde aus, insbesondere Kotspürhunde und führen diese,
  • Sie sind als Team dazu in der Lage, Wölfe jederzeit erfolgreich aufzuspüren und bei Bedarf aus einem Revier mit einem Ausmaß von 250 bis 350 Quadratkilometern gezielt zu entnehmen,
  • Sie regulieren nach dem Erreichen des „günstigen Erhaltungszustandes“ der Wolfspopulation künftig – wenn überhaupt nötig – als Experten den Bestand an Wölfen
  • und natürlich unterstützen sie das bisherige Wolfsmonitoring.

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Lokale Verfügbarkeit von Wolfsexperten

In der fünften These wird bekräftigt, warum es erforderlich ist, dass derart ausgebildete und jederzeit einsatzbereite Experten flächendeckend verfügbar sein müssen, um über die Notwendigkeit einzuleitender Maßnahmen zur Entnahme von verhaltensauffälligen Wölfen schnell entscheiden zu können. Die Grundlage ihrer Arbeit sollten die entsprechenden Reaktions- und Notfallpläne, die bereits im NINA-Report vorgeschlagen wurden aber erst noch entwickelt werden müssen, sein.

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Medienarbeit

In der sechsten These beschreibe ich, welchen Unterschied es für die Medien und damit letztlich auch für die Akzeptanz der Wölfe in der Bevölkerung ausmachen kann, ob ein Wolfsberater mit derzeitigem Aufgabenprofil oder ein Wolfsscout mit dem oben dargestellten Fertigkeiten und Fähigkeiten den lokalen Medien als Ansprechpartner zur Verfügung steht.

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Herdenschutzhunde

Die siebte These bekräftigt, dass Herdenschutzhunde in Kombination mit Elektrozäunen zwar den erfolgreichsten Schutz für Nutztiere versprechen, der Einsatz von Herdenschutzhunden aber nicht als Lösung schlechthin empfohlen werden kann. Es müssen dazu erst einige Voraussetzungen erfüllt sein. Ferner muss die Bevölkerung die Besonderheiten dieser Hunde kennen. Dazu bedarf es entsprechender Aufklärungskampagnen.

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DNA-Analysen

Die achte These beschreibt, welche Ziele mit den DNA-Nachweisen verfolgt werden und warum es für den Wolfsschutz dringend notwendig ist, die Bearbeitungszeiten drastisch zu verkürzen.

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Jäger

Die neunte These legt dar, warum besonders Jäger dafür geeignet erscheinen, das Wolfsmonitoring fachgerecht zu unterstützen. Auch unter ihnen gibt es zahlreiche Wolfsfreunde, die jedoch – soweit sie nicht als Wolfsberater aktiv sind – bisher keine eigene Lobby haben, während sich der Dachverband der Jägerschaften gerade dafür ausspricht, die Wölfe schnellstmöglich zu „regulieren“.

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Zwischenfazit:

Heute, am ersten Juli 2015, wird in Hannover das „Niedersächsische Wolfsbüro“ mit drei eigenen Mitarbeitern im Rahmen eines Maßnahmenpakets beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) eröffnet. Dort sollen künftig alle Meldungen über Nutztierrisse durch Wölfe sowie Anträge auf Präventionsmaßnahmen zusammenlaufen. Außerdem versteht sich das Büro als zentrale Anlaufstelle zur Beratung von Nutztierhaltern und interessierten Bürgern.
Bereits vor zwei Tagen wurde der zweite Wolf des Munsteraner Rudels erfolgreich besendert. Damit kann künftig das Bewegungsmuster auch dieses Wolfes nachvollzogen werden. Zahlreiche Wolfsberater wurden zudem in der Distanznarkose geschult. Außerdem wurde beschlossen, dass Untersuchungen von Nutztierrissen künftig von Amtstierärzten vorgenommen werden dürfen, damit eine schnellere Auszahlung von „Billigkeitsleistungen“ möglich ist.
Es ist demnach allerhand in den letzten Monaten in Niedersachsen auf den Weg gebracht worden, dort also, wo die ersten Wolfsmanagementplanungen der bisher deutlichsten Prüfung unterzogen wurden.


Für die Opposition im Niedersächsischen Landtag scheinen die bisher eingeleiteten Maßnahmen jedoch noch nicht ausreichend zu sein. Sie fordert eine Abstimmung der Planungen auf die zu erwartende Populationsentwicklung und einen Leitfaden, der artfremdes Verhalten von Wölfen definiert. Außerdem soll die Zuständigkeit für den Umgang mit „Problemwölfen“ klar geregelt werden, um vermeintlich verhaltensauffällige Wölfe umgehend „ entnehmen“ zu können. Ferner wird gefordert, die Richtlinie zur Gewährung von Billigkeitsleistungen zu überarbeiten und auf die Ausweisung von Förderkulissen zu verzichten. Stattdessen soll die Präventionsförderung landesweit ermöglicht werden.


Hilfreich wäre allerdings die Forderung gewesen, Schadensersatzleistungen bereits dann zu zahlen, wenn der Wolfs als Rissverursacher nicht ausgeschlossen werden kann. In Niedersachsen muss bisher der Beweis vorliegen, dass ein Wolf ein Tier gerissen hat.

Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler

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