Dichtung und Wahrheit – Wolfsattacke entpuppt sich als Jägerlatein!

Hätte er seine Kurzwaffe nicht dabei gehabt, wäre er jetzt vielleicht tot. So schätzte ein 55-jähriger Forstwirtschaftsmeister und Jäger in einem Interview mit der Zeitschrift „Jäger“ im April seine Lage ein, als in der Nacht zum Ostersonntag „bei bestem Mondlicht“ im Landkreis Lüneburg ein hechelnder Wolf in „gestrecktem Galopp“ auf ihn zustürmte. Der Jäger schoss in den Boden, das Tier flüchtete, beide blieben unverletzt. So die „Dichtung“. Die „Wahrheit“ scheint eine andere zu sein.


Die „erste Wolfsattacke auf einen Menschen nach der Rückkehr des Raubtiers“, so die AZ-Online (hier der Link), scheint nun als reines Jägerlatein in das „Märchenbuch der Jagdgeschichte“ einzugehen. Die niedersächsische Umweltstaatssekretärin Almut Kottwitz erwähnte während eines Bürgerdialogs in Munster eher beiläufig, dass die Ergebnisse der Untersuchungen vorlägen und den geschilderten Sachverhalt nicht bestätigten.

Kommentar:

Wolfsmonitor hat sich bisher in dieser Sache zurückgehalten, denn Vorverurteilungen sind in Zeiten der Ungewissheit für alle Protagonisten wenig hilfreich. Andere waren da weniger zurückhaltend, wies der Vorfall doch von Beginn an einige Merkwürdigkeiten auf. Doch egal, was sich in jener Nacht neben dem Hochsitz in Boitze abgespielt haben mag, der Schaden ist erheblich. Abgesehen von den Steuergeldern, die für die umfangreichen Untersuchungen aufgewendet werden mussten, wirft dieser Fall erneut ein schlechtes Licht auf alle Waidmänner und –frauen. Den Rechtschaffenden unter ihnen, und das dürfte die zumeist unauffällige und schweigende Mehrheit sein, wurde mit diesem Märchen ein „Bärendienst“ erwiesen. Ihr Ruf ist nun abermals beschädigt. Die Argumentationsfassade einiger Jagdfunktionäre beginnt außerdem zunehmend zu bröckeln, denn scheinbar sind Menschen nun doch weniger durch Wölfe gefährdet, als zuletzt öfter von ihnen geschildert.

Welches Motiv auch immer den 55 Jährigen bewogen haben mag, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, der „Schuss ist nach hinten losgegangen“. Es gibt auch nach 17 Jahren in Deutschland keinen Wolf, der nachts aus dem Hinterhalt Menschen im Wald angreift. Das steht nun amtlich fest. Und das ist die gute Nachricht. Die Ängste, die durch diesen Vorfall bis zu seiner Aufklärung in der Bevölkerung geschürt wurden, dürften jedoch bei dem einen oder anderen Mitbürger nachhaltig sein. Das ist die schlechte Nachricht.

Der Vorfall zeigt jedoch eines: Man weiß heute, dass Wölfe in dichtbesiedelten Kulturlandschaften überwiegend nachtaktiv sind. Deshalb bekommen wir sie so selten zu sehen. Wenn aber selbst ein Profi wie der 55 jährige Forstwirtschaftsmeister und Jäger nicht in der Lage ist, bei „bestem Mondlicht“ einen Wolf eindeutig „anzusprechen“, also zu identifizieren, wie bitteschön soll die von vielen geforderte Bejagung des Wolfes nach dem Erreichen des sogenannten „günstigen Erhaltungszustandes“ und der Übernahme des Beutegreifers in das Jagdrecht eigentlich aussehen?

Dieser Fall beweist, dass die für das Wolfsmanagement Verantwortlichen gut daran täten, bei Bedarf auf eigens dafür ausgebildete Spezialisten und nicht auf die Jägerschaft zurückzugreifen!


Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler

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