{"id":2691,"date":"2016-03-06T19:28:55","date_gmt":"2016-03-06T17:28:55","guid":{"rendered":"http:\/\/wolfsmonitor.de\/?p=2691"},"modified":"2018-05-05T14:10:12","modified_gmt":"2018-05-05T12:10:12","slug":"das-niedersaechsische-management-der-woelfe-aus-schweizer-perspektive","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wolfsmonitor.de\/?p=2691","title":{"rendered":"Das nieders\u00e4chsische Management der W\u00f6lfe aus Schweizer Perspektive"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Umgang mit W\u00f6lfen in Niedersachsen wird auch jenseits der Grenzen beobachtet. F\u00fcr uns Schweizer ist der Fall Niedersachsen deshalb von besonderem Interesse, weil die W\u00f6lfe hierzulande dasselbe vermeintlich problematische Verhalten aufweisen wie der wenig scheue MT6 und die zaunspringende Goldenstedter W\u00f6lfin.<\/strong><\/p>\n<p>In der Schweiz wurde der Wolf in der zweiten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts ausgerottet. Unter Schutz gestellt wurde er 1986. Im Jahr 1995 kehrten die ersten beiden W\u00f6lfe aus Italien und Frankreich zur\u00fcck in die Schweiz. Trotz rechtlichem Schutz, wurden sie wegen zahlreichen gerissenen Schafen und Ziegen bald zum Abschuss freigegeben. So erging es auch ihren nachfolgenden Artgenossen. Erst einige Jahre sp\u00e4ter <!--more-->wurde mit dem \u201cKonzept Wolf Schweiz\u201c erstmals ein Managementplan implementiert, der klare Kriterien f\u00fcr den Umgang mit W\u00f6lfen festlegte. Auch mit diesem Konzept, das seither mehrfach angepasst wurde, sind Absch\u00fcsse von schadenstiftenden W\u00f6lfen m\u00f6glich. Im Jahr 2015 wurde neu auch noch die M\u00f6glichkeit eingef\u00fchrt, die Gr\u00f6sse von Wolfsrudeln zu verringern, wenn die Tiere zu wenig scheu sind oder zu grosse Sch\u00e4den machen.<\/p>\n<p>Im Vergleich zu Niedersachsen \u2013 und meines Wissens auch zu allen deutschen Bundesl\u00e4ndern mit eigenen Managementpl\u00e4nen f\u00fcr W\u00f6lfe \u2013 gibt es im Schweizer Wolfskonzept ein klar definiertes Schadensmass, welches W\u00f6lfen zugestanden wird. Im Prinzip darf ein Wolf abgeschossen werden, wenn er 35 Nutztiere in vier Monaten oder 25 in einem Monat reisst. Das gilt jedoch nur im ersten Jahr einer Wolfspr\u00e4senz und es ist dabei unerheblich, ob die Nutztiere gesch\u00fctzt waren oder nicht. Ab dem zweiten Jahr einer Wolfspr\u00e4senz d\u00fcrfen f\u00fcr Abschussbewilligungen nur noch gerissene Nutztiere gez\u00e4hlt werden, die trotz Herdenschutz get\u00f6tet wurden oder die als nicht sch\u00fctzbar gelten. Gleichzeitig reduziert sich aber die Zahl der notwendigen Risse f\u00fcr die Abschussbewilligung auf 15 gerissene Tiere pro Jahr. Dabei ist es egal, wie oft ein Wolf Nutztiere angegriffen hat, entscheidend ist einzig die Zahl der get\u00f6teten Tiere.<\/p>\n<p>Wie w\u00fcrde also in der Schweiz mit der Goldenstedter W\u00f6lfin umgegangen? Diese hat bereits in den ersten vier Monaten ihrer Pr\u00e4senz im Bereich der Landkreise Diepholz und Vechta \u00fcber 50 Nutztiere gerissen (vorausgesetzt man rechnet ihr alle Risse zu, die best\u00e4tigt oder vermutet vom Wolf verursacht sind). Es w\u00e4re also eine Abschussbewilligung f\u00fcr dieses Tier erteilt worden. Obwohl die meisten der von ihr get\u00f6teten Nutztiere bekanntlich nicht gesch\u00fctzt waren, hat sie das zul\u00e4ssige Schadenmass nach Schweizer Definition bereits vor einem Jahr \u00fcberschritten.<\/p>\n<p>Doch ist die in der Schweiz seit jeher lockere Abschusspolitik \u00fcberhaupt zielf\u00fchrend? Diese Frage l\u00e4sst sich ziemlich klar verneinen. Bisher wurden in der Schweiz rund 20 Abschussbewilligungen f\u00fcr W\u00f6lfe erteilt, davon konnten aber \u00fcberhaupt nur acht Tiere dann tats\u00e4chlich auch erlegt werden. Folglich traten in fast allen Gebieten, wo schadenstiftende W\u00f6lfe geschossen wurden, danach trotzdem wieder Sch\u00e4den auf \u2013 zum einen Teil durch die W\u00f6lfe, die den Abschussbem\u00fchungen erfolgreich entgangen sind und zum anderen Teil von W\u00f6lfen, die in die L\u00fccke der abgeschossenen W\u00f6lfe gesprungen sind. Dazu muss aber angef\u00fcgt werden, dass (mit einer Ausnahme) alle Abschussbewilligungen erteilt wurden nach Sch\u00e4den an ungesch\u00fctzten Nutztierherden. Eigentliche Spezialisten, die den Herdenschutz bewusst umgehen, gab es in der Schweiz bisher kaum. Das mag zum einen daran liegen, dass der Herdenschutz in der Schweiz allen Unkenrufen zum Trotz eigentlich sehr gut funktioniert. Zum anderen h\u00e4ngt es aber mit Sicherheit auch damit zusammen, dass W\u00f6lfe, die geh\u00e4uft Nutztiere erbeuteten, eher fr\u00fcher als sp\u00e4ter abgeschossen wurden.<\/p>\n<p>Kurz gesagt, l\u00e4sst sich in der Schweiz beobachten, dass fast jeder Wolf zugreift, wenn ungesch\u00fctzte Nutztiere verf\u00fcgbar sind. Sind sie gesch\u00fctzt, sind die Probleme praktisch weg. Es war stets der Herdenschutz, der Rissserien dauerhaft beendet hat und nicht der Abschuss von W\u00f6lfen. Dass genau in denjenigen Gebieten, in denen W\u00f6lfe geschossen wurden, auch in den Folgejahren wieder Probleme auftraten, ist darauf zur\u00fcckzuf\u00fchren, dass mit den Absch\u00fcssen der Druck, Herdenschutzmassnahmen zu ergreifen, kurzzeitig weg war. Die Nutztierhalter konnten sich zur\u00fccklehnen \u2013 bis der n\u00e4chste Wolf da war. Die Erfahrung zeigt leider (ich w\u00fcnschte, es w\u00e4re anders), dass es f\u00fcr viele Nutztierhalter den aktuellen unmittelbaren Druck des Wolfes braucht, damit sie Schutzmassnahmen ergreifen. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es auch eine ganze Reihe von Nutztierhaltern, die tats\u00e4chlich pr\u00e4ventiv t\u00e4tig werden, aber sie scheinen zumindest in der Schweiz recht klar in der Minderheit zu stehen.<\/p>\n<p>Spannend wird sein, wie es sich mit dem besenderten Munsteraner Jungwolf MT6 verh\u00e4lt. In der Schweiz existieren zwei Wolfsrudel, je eines im Norden und S\u00fcden der Alpen. Dasjenige am Calanda in den Nordalpen im Grenzgebiet der Kantone Graub\u00fcnden und St. Gallen besteht seit 2012. Im Verlauf des letzten Jahres ist es dort zu mehreren Nahbegegnungen zwischen Menschen und Jungw\u00f6lfen gekommen. Genauso wie die Munsteraner, zeigen die Jungw\u00f6lfe am Calanda zwar wenig Scheu gegen\u00fcber dem Menschen, jedoch kam es nie zu kritischen Situationen. Obwohl das Calandarudel bereits seit 2012 j\u00e4hrlich Nachwuchs produzierte, war bisher offenbar nur der Jahrgang 2014 auff\u00e4llig. Dass beim Munsteraner Rudel scheinbar auch der Jahrgang 2014 auff\u00e4lliger ist als die anderen, ist zwar erw\u00e4hnenswert, aber vermutlich nur ein merkw\u00fcrdiger Zufall.<\/p>\n<p>Die Schweiz und Niedersachsen gehen mit derselben Situation aber anders um. In der Schweiz ist man zurzeit versucht, zwei Jungw\u00f6lfe des Rudels in Siedlungsn\u00e4he abzuschiessen, damit die restlichen Tiere des Rudels lernen, sich von dort fernzuhalten. Der Abschuss ist also nicht als Bestrafungsaktion f\u00fcr die zu t\u00f6tenden Jungtiere konzipiert, sondern als Vergr\u00e4mung des \u00fcberlebenden Rudels. Mit der Vergr\u00e4mung von MT6 in Niedersachsen soll hingegen gezielt beim auff\u00e4lligen Tier ein Lerneffekt herbeigef\u00fchrt werden. Das sind zwei g\u00e4nzlich andere Ans\u00e4tze und es wird \u2013 bei allem Bedauern f\u00fcr die W\u00f6lfe, die nun vergr\u00e4mt und vielleicht get\u00f6tet werden \u2013 hoch interessant sein, was der Effekt sein wird. Wird MT6 wirklich scheuer? Lernt das Rudel am Calanda, die Siedlungsn\u00e4he zu meiden? Das Erstere hoffe ich, an Letzterem zweifle ich (aus Gr\u00fcnden, die ein ganzes Buch f\u00fcllen w\u00fcrden).<\/p>\n<p>Die Vergr\u00e4mung von W\u00f6lfen wird in der Schweiz gerade durch meine Organisation immer wieder thematisiert und als Alternative zum Abschuss wenig scheuer W\u00f6lfe gefordert. Bisher stellen sich unsere Beh\u00f6rden taub, obwohl Vergr\u00e4mungen in der Jagdgesetzgebung (dieser untersteht der Wolf in der Schweiz) explizit vorgesehen w\u00e4ren. Sie halten Vergr\u00e4mungen beim Wolf f\u00fcr quasi nicht machbar. Deshalb beobachtet die Schweiz sehr genau, was in Niedersachsen mit MT6 passiert. Unter Umst\u00e4nden kann sein Fall eine grosse Signalwirkung auf die Schweizer Wolfspolitik haben.<\/p>\n<p>Umgekehrt ist wohl auch nicht auszuschliessen, dass die Schweizer Erfahrung mit dem Versuch eines Abschusses zweier Jungw\u00f6lfe eine Signalwirkung f\u00fcr Deutschland haben kann. Denn auch das Schweizer Vorgehen ist mehr ein Versuch als sonst etwas. immerhin sieht es bisher gut aus f\u00fcr die W\u00f6lfe. Die Abschussbewilligung l\u00e4uft bereits seit zweieinhalb Monaten und endet Ende M\u00e4rz. Bisher konnte kein Wolf geschossen werden. Der Grund daf\u00fcr ist, dass sich die Tiere bisher kaum gezeigt haben. Das n\u00e4hrt zumindest bei mir Zweifel, dass es sich wirklich um Problemw\u00f6lfe handelt.<\/p>\n<p>David Gerke<\/p>\n<hr \/>\n<p><em><strong>Wolfsmonitor-Kolumnist David Gerke, Schafhirte und J\u00e4ger aus Zuchwil in der Schweiz, ist Pr\u00e4sident der \u201eGruppe Wolf Schweiz (GWS)\u201c (<span style=\"color: #0000ff;\"><a style=\"color: #0000ff;\" title=\"Gruppe Wolf Schweiz\" href=\"http:\/\/www.gruppe-wolf.ch\/index.php\" target=\"_blank\">Link!<\/a><\/span>), der \u201epolitischen Stimme der Gro\u00dfraubtiere\u201c in der Schweiz. Der Verein, der 1997 nach einem Besuch von Wolfsinteressierten beim weltweit bekannten Wolfsforscher Erich Klinghammer in den USA gegr\u00fcndet wurde, hat das Ziel, Hintergrundinformationen \u00fcber das Verhalten, die Vorkommen und die \u00d6kologie des Wolfes in der Schweiz zug\u00e4nglich zu machen. Die GWS arbeitet dabei eng mit zahlreichen Fachleuten und Medien zusammen, um wissenschaftlich fundiertes Know-how zu ver\u00f6ffentlichen.<\/strong><\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/vg01.met.vgwort.de\/na\/b7f38546f111480e842a24cbd698a317\" alt=\"\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n<div class=\"shariff shariff-align-center shariff-widget-align-center\" data-services=\"facebook%7Ctwitter\" data-url=\"https%3A%2F%2Fwolfsmonitor.de%2F%3Fp%3D2691\" data-timestamp=\"1525529412\" data-backendurl=\"?rest_route=\/shariff\/v1\/share_counts&\"><ul class=\"shariff-buttons theme-color orientation-horizontal buttonsize-small\"><li class=\"shariff-button facebook shariff-nocustomcolor\" style=\"background-color:#4273c8\"><a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/sharer\/sharer.php?u=https%3A%2F%2Fwolfsmonitor.de%2F%3Fp%3D2691\" title=\"Bei Facebook teilen\" aria-label=\"Bei Facebook teilen\" role=\"button\" rel=\"nofollow\" class=\"shariff-link\" style=\"; background-color:#3b5998; 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