Gastautorin Sonja Wallschlag: „Die niedersächsische Wolfshysterie“

„Deutschland war so lange ohne Wölfe, dass man verlernte, mit Ihnen zu leben! Seit 16 Jahren wurde und wird wieder gelernt. Auch in Sachsen und danach in Brandenburg schlugen mit den ersten Wölfen die Wellen hoch, mussten in den Ministerien Pläne erarbeitet werden und deren Umsetzung Routine bekommen.


Sicher wurden auch hier und dort anfänglich Fehler gemacht, gab es Ängste in der Bevölkerung und lief nicht immer alles gleich auf Anhieb! Die Nutztierhalter mussten sich umstellen. Alles musste sich erst einspielen. Jetzt ist es in Sachsen und Brandenburg relativ ruhig geworden um die Wölfe. Aufklärung und Prävention sei Dank!


Viele Jäger erkennen, dass Wölfe nicht nur für die Ökologie und Artenvielfalt gut sind, sondern dass die Wildbestände nicht wie befürchtet einbrechen und das Wild gesünder und vitaler wird. So sollte man auch in Niedersachsen den entsprechenden Behörden die Chance geben, diese Routine zu entwickeln und die tatsächlichen Fakten sprechen zu lassen.


Worauf begründet sich nun eigentlich diese Hysterie? Leider sind rein psychologische Faktoren ausschlaggebender als objektive Tatsachen: Diese besagen, dass es in den letzten 15 Jahren in Deutschland und seit 1955 in ganz Europa mit zig tausend Wölfen keinerlei Übergriffe durch Wölfe auf Menschen gab! Neben vielen anderen Gefahren, die uns Menschen im Straßenverkehr, während der Arbeit oder im Freizeitbereich drohen, ist die Wahrscheinlichkeit vom Blitz getroffen, im Urlaub von einer Kokusnuss erschlagen oder in unseren Wäldern durch ein Wildschwein angegriffen zu werden, im Verhältnis zu einer Bedrohung durch Wölfe richtig hoch!


Woher also die Ängste? Zum einem gibt es die Cano- oder Kynophobie, die Angst vor Hunden oder Hundeartigen. Diese kann eine Urangst des Menschen vor wilden Tieren sein, kann aus traumatischen Erfahrungen mit Hunden oder einfach in der Kindheit aus der Vorbildwirkung von Bezugspersonen oder Gruppenverhalten entstehen. Betroffene sind durch die Phobie oft in ihrem Lebensalltag eingeschränkt. Bleibt das ursprüngliche Trauma bestehen, ist die Auflösung der Phobie kaum möglich.


Auch Panikattacken als weitere psychische Störung können auftreten. Horrorgeschichten und Filme, sowie fehlendes Wissen  – besonders zu den Wölfen  – tragen ihren eigenen Anteil. Die Aufklärung über Wölfe und andere Wildtiere sowie das richtige Verhalten diesen gegenüber, gehören als Pflichtunterrichtung in jede Schule. Auch Pflichtweiterbildungen für Jäger sind ratsam.


Zum anderen bestehen die Ängste vor Übergriffen auf Haus- bzw. Nutztiere. Gegen der oft geäußerten Behauptung ist es sehr wohl möglich, durch die verschiedensten Maßnahmen wie Elektronetzzäune, Herdenschutzhunde, u.a. die Tiere so zu schützen, dass Wolfsrisse äußerst unwahrscheinlich werden. Dazu gibt es Fördermittel. Hunde sind durch die unmittelbare Nähe zum Menschen geschützt.


Was ist also auffälliges Wolfsverhalten? Wölfe können Fahrzeuge nicht als Lebewesen warnehmen. Einige Wölfe ziehen ihre Jungen in Gegenwart von schwerem Gerät auf Truppenübungsplätzen groß. So haben diese dann keine Scheu vor Fahrzeugen, egal ob Auto oder Traktor.


Leider werden Wölfe so immer häufiger zum Verkehrsopfer. Jungwölfe können auch neugierig sein. Verlassen diese dann zweijährig ihr Rudel, um sich nach einem Partner umzuschauen, wandern sie sehr energiesparend gern auch auf bequemen Wegen durch die Lande und ziehen mal durch eine Siedlung oder unmittelbar an Häusern vorbei. Dabei stellen sie noch lange keine Gefahr dar. In Italien und Rumänien laufen schon seit Jahren Bären und Wölfe zu Müllanlagen durch Städte direkt an Menschen vorbei. Ohne, dass dort Panik aufkommt. Das ist nicht gut und der Müll sollte besser entsorgt werden, zeigt aber, dass es auch dort nicht zu Übergriffen auf Menschen kam.


Der Begriff Problemwolf für diesen Wolf, den jetzt einige gern zum Abschuss frei geben würden, ist also in keinster Weise gerechtfertigt. Keine Drohgebärden, nicht einmal gegenüber einem großen Hund. Eine vorbeugende Vergrämung kann nicht falsch sein, wird aber nicht verhindern, dass auch andernorts mal andere Wölfe unbeeindruckt durch eine Siedlung laufen, wie es beispielsweise in der Lausitz öfters ohne Aufsehen beobachtet wird.


Es ist traurig, dass Geschichten, wie der als Lüge entlarvte Angriff auf einen Jäger und  andere, mit großen Schlagzeilen ungeprüft in der Presse erscheinen und damit völlig unbegründete Ängste schüren. Wie bekannt erscheinen anschließende Dementi, wenn überhaupt, leider immer nur sehr klein.


Wölfe haben keine Anwälte, die auf Verleumdung klagen können! Traurig auch, dass einige Politiker Macht- und Wahlkämpfe zu Lasten der Wölfe auskämpfen und dabei ein erhebliches Maß an Unwissenheit zur Schau tragen! Sie sollten bedenken, dass unbegründete Warnungen und überzogene Forderungen das Gegenteil Ihrer Ziele bewirken können.


Wir in unserer „hoch zivilisierten“ Welt fordern den Menschen in wirklich armen Ländern ab, mit Löwen und Tigern klar zu kommen, um sie vorm Aussterben zu bewahren. Dann sollte es uns doch mit unseren Möglichkeiten ein Leichtes sein, mit den relativ harmlosen Wölfen als wesentlichen ökologischen Faktor in ihrer und unserer Heimat zu leben!


Was in Sachsen und Brandenburg geht, wird auch in Niedersachsen funktionieren, Und gelernt wird noch überall!“


Zur Autorin: Sonja Wallschlag ist Diplom-Ingenieurin für Elektrotechnik, Dozentin bei freien Bildungsträgern und an der Technischen Hochschule (TH) Wildau (Fächer u.a.: Elektrotechnik, Wechsel- und Drehstromtechnik, Antriebstechnik-elektrische Maschinen) für Auszubildende, Um- und Meisterschüler sowie Studenten.Sie ist ehrenamtliche Wolfsbotschafterin und hält Vorträge – gern auch für Jäger. In Kürze wird sie selbst den Jagdschein machen. Sonja Wallschlag betreibt eine Internetseite zum Thema Wölfe: Diese ist unter dem Link: www.woelfe-in-lds.jimdo.com erreichbar. Außerdem unterstützt sie die Initiative „wikiwolves“ und betreut verschiedene Social-Media-Gruppen auf facebook, unter anderem die „Unterstützergruppe Herdenschutz“ und „The Wolves“.

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