Hanno M. Pilartz: Offener Brief an den Deutschen Bauernverband

Ich bin nicht Mitglied Ihres Verbandes! Aber ich bin Weidetierhalter, ich halte 4 Pferde, 3 Maultiere und 2 Esel auf ca. 7 Hektar in der Hocheifel. Für uns Weidetierhalter glaubte Ihr Umweltbeauftragter Eberhard Hartelt vor einem Ausschuss des Deutschen Bundestages sprechen zu dürfen.

Dabei hat er die Sinnhaftigkeit und Durchführbarkeit von Herdenschutzmaßnahmen zur Wolfsabwehr in Zweifel gezogen. Weiter hat er gefordert, Wolfsbestände zu regulieren, damit Weidetiere geschützt werden.

Wir haben in der Eifel bisher keine Wölfe, auch wenn manche einen gesehen haben wollen. Aber wir haben viel zu viel Schwarzwild, welches uns Weidetierhaltern größte Sorgen macht, weil es in dramatischem Ausmaß Grünland zerstört.

Mit guten Elektrozäunen aus modernem Material in Verbindung mit inzwischen recht preiswerter Solartechnik zur Stromversorgung abseits von 220-Volt-Stromnetzen gelingt es mir zumindest, die Schwarzkittel aus meinen Weiden heraus zu halten.

Ein Zaun, den ein ausgewachsenes Wildschwein weder unterwühlt noch überspringt, hält nach einhelliger wildbiologischer Auffassung auch jeden Wolf ab. Ich erlaube mir daher, Ihrer Auffassung zur Unmöglichkeit von Herdenschutz zu vertretbaren Kosten vehement zu widersprechen.

Eine verstärkte Bejagung und damit Regulierung des Schwarzwildes wird seit vierzig Jahren vergeblich versprochen. Wie soll das denn bei Wölfen funktionieren? Studien aus den U.S.A. in den recht „wolfreichen“ Bundessstaaten Montana, Idaho und Wyoming haben gezeigt, dass auch intensive, kostspielige Bejagung von Wölfen keine Reduzierung der Risse an Weidetiere erbrachte. Daraus können wir schließen, dass es uns mit bejagten Wölfen in Deutschland nicht anders ergehen wird wie mit den Wildschweinen.

Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass Sie sich vor allem zum Wasserträger der kleinen Minderheit unter den Jägern machen, die unbedingt legal einen Wolf erlegen wollen. Nichts gegen Jäger, einige meiner Freunde sind Jäger! Ich respektiere ihre Passion, die so wie meine Begeisterung für das Reiten und Kutschfahren ein Stück gelebte Menschheitsgeschichte ist.

Aber das gilt gleichermaßen für den Herdenschutz! Seit Jahrtausenden mussten Weidetierhalter ihre Tiere schützen, vor großen Raubtieren und vor Dieben. In vielen Ländern der EU gilt das uneingeschränkt noch heute!

Nun haben Wölfe in den letzten 150-200 Jahren beim Herdenschutz in Deutschland keine Rolle mehr gespielt! Sie konnten unter besonderen Bedingungen – nahezu entwaldete Mittelgebirge z.B. – mit großer Kraftanstrengung ausgerottet werden.

Aber Deutschland heute wieder wolfsfrei zu bekommen, wie soll das denn gehen? Höchstens mit gewaltigen Kollateralschäden unter den rd. 5,5 Mio. Hunden in Deutschland durch Fallen und Giftköder, ohne die das nicht möglich sein wird! Also bleibt nur der Herdenschutz!

Wir werden wieder lernen müssen, mit dem Wolf zu leben. Dank moderner Weidezauntechnik war das noch niemals in der Geschichte der menschlichen Weidetierhaltung so einfach und so preiswert wie heute.

Dass Weidtierhalter auf wenig ertragreichen Böden einem eminent wichtigen Beitrag zur Biodiversität durch die Offenhaltung und Pflege von altem Dauergrünland leisten, wird von Ihrem Verband augenscheinlich nicht zur Kenntnis genommen, sonst hätten Sie sich längst für eine Weidetierprämie für Schafe eingesetzt, die den wenigen verbliebenen Berufsschäfern ein halbwegs erträgliches Auskommen ermöglichen würde.

Ich erwarte vom Deutschen Bauernverband, dass er sich in Zukunft um eine sach- und fachgerechte Auseinandersetzung mit dem Thema bemüht. Politische Polemik, die weitgehend von der Frage befeuert wird, wer denn nun im ländlichen Raum die Deutungshoheit hat, das alteingesessene Landvolk oder die „bösen grünen Städter“, hilft uns Weidetierhaltern nicht weiter!

Ich fühle mich vom Deutschen Bauernverband nicht vertreten, nicht unterstützt! Auch nicht von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, die wie Sie die Sinnhaftigkeit von Herdenschutz in Zweifel zieht!

Als Ergebnis bin ich Mitglied in der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe (GzSdW) geworden. Dieser kleine, aber sehr rührige Verein hat längst begriffen, dass Wölfe schützen Weidetiere schützen heißt. Und engagiert sich entsprechend sehr stark in Sachen Herdenschutz.

Die Wolfshasser wollen doch gar nicht, dass Herdentiere geschützt werden. Denn nur durch blutige Wolfsattacken kommen sie ihren Zielen näher.

Da ist es für uns Weidetierhalter besser, wenn wir uns an die halten, die uns wirklich helfen, weil sie ein Interesse daran haben!

Mit nachdenklichem Gruß

H.M. Pilartz


Quelle: H.M. Pilartz, zuerst veröffentlicht in den “Rudelnachrichten” der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe (GzSdW), 18. Jahrgang – Sommer 2018