Rhetorische Brandstifter – die Zweite!

Ich hatte mich erst kürzlich über AZ-Online-Leserbriefschreiber Ulrich Merz echauffiert, weil er sich öffentlich über andere Leserbriefschreiber aufregte. Die unterstellten einem Täter, der eine Wölfin nicht nur illegal erschossen, sondern augenscheinlich auch elendig gequält haben soll, „kriminelle Energie“, was Merz nervte (hier!).

Daraufhin machten mich Leser darauf aufmerksam, dass sich Niedersachsens Jägerpräsident Helmut Dammann-Tamke in ähnlich verstörender Weise zu dieser Sache geäußert haben soll.

Der LJN-Präsident, der zugleich CDU-Abgeordneter im niedersächsischen Landtag ist, soll gegenüber dem NDR geäußert haben (*1):

„Die Menschen wurden alleingelassen bei dem Thema“, so LJN-Präsident Dammann-Tamke. Der Mensch neige dann dazu, eine Angelegenheit in die eigene Hand zu nehmen. Das sei nicht zu rechtfertigen, aber man dürfe sich eben auch nicht wundern.“

Mein Kommentar dazu: Das ist genauso schmutzig!

Die Sache stinkt zum Himmel, weil der Herr Abgeordnete damit ebenso versucht, indirekt Verständnis für einen eindeutig rechtswidrigen Akt der Selbstjustiz zu wecken.

Und sie stinkt, weil Dammann-Tamke auch noch den entscheidenden Schritt weiter geht, indem er aus einem vorsätzlich handelnden Kriminellen sogar noch ein (politisches) Opfer konstruiert.

Warum das etwas zur Sache tut?

Den meisten Menschen unter uns dürfte es nicht schwerfallen, keinen Wolf zu erschießen und keinem Wolf eine Drahtschlinge um den Hals zu legen, um ihn dann später damit zu ersäufen. (*2)

Verständnis für jemanden zu zeigen, der eine solch widerwärtige Tat begeht oder auch nur ansatzweise entschuldigt, fällt mir deshalb ehrlich gesagt vergleichsweise schwer!

In politischen als auch in anderen verantwortungsvollen Ämtern und Funktionen wünsche ich mir deshalb – insbesondere, wenn es sich um Regierungsparteien handelt – gesetzesloyale und verlässliche Charaktere.

Ansonsten, so meine Befürchtung, sind wir irgendwann vor nichts mehr sicher…

Wenn Dammann-Tamke auch noch davon spricht, dass die Menschen bisher bei dem Thema alleingelassen wurden, dann sollte man sich mal näher ansehen, welchen Beitrag er selber in der Vergangenheit geleistet hat, hier etwas zu ändern (in seiner Doppelfunktion hätte er dazu alle Möglichkeiten gehabt).

Über ihn wird regelmäßig in den Medien berichtet, wie er in Interviews oder auf Diskussionsveranstaltungen deutliche Kritik an dem bisherigen Verlauf der Wolfsrückkehr weckt. Er spricht diesbezüglich auch schon mal von einer “radikalen Ausbreitung” der Beutegreifer.

Er fordert folglich regulatorische Abschüsse der Beutegreifer öffentlich ein und prognostiziert (und provoziert) mit Sätzen wie:

Die bereits vor Jahrzehnten ausgehandelten internationalen Artenschutzabkommen (Washingtoner Artenschutzabkommen, Berner Konvention, etc.), die ja bereits politisch ausgehandelte Kompromisse darstellen, scheinen ihn dabei nicht sonderlich zu beeindrucken.

Überdies stellt er als Landesjägerpräsident regelmäßig Forderungen an “die Politik”, die er mit seinem anderen ICH ja eigentlich selbst repräsentiert.

Was den aktiven Herdenschutz betrifft, ist so gut wie nichts von diesem Menschen zu vernehmen. Stattdessen sinniert er lieber in irgendwelchen zweifelhaften Gremien über “Akzeptanzbestände”, “regulatorische Abschüsse” und angebliche “Problemwölfe”, wie kürzlich z.B. beim “Aktionsbündnis aktives Wolfsmanagement”.

Ich wiederhole mich: Ich betrachte mich als großen Freund (und Nutzer) der Meinungsfreiheit.

Von Menschen in verantwortungsvollen Positionen verlange ich diesbezüglich allerdings umso eindringlicher, dass sie sich in diesem Lande nicht als „rhetorische Brandstifter“ generieren, die illegales Handeln auch nur ansatzweise gutheißen oder sogar für politische Spielchen nutzen (egal, wie viele Hüte oder Filzpantoffeln sie auch auf- bzw. anhaben) .

Und wenn einer diesen Bogen tatsächlich mal überspannen sollte, dann dürfte es das Mindeste sein, dass er später aus den eigenen Reihen zurechtgewiesen wird.

Wenn aber sogar dieser „Selbstreinigungsmechanismus“ nicht mehr zu funktionieren scheint …

Just my two cents!


P.S.: Gestern Abend wurde übrigens bekannt, dass die erschossene Wölfin tatsächlich kurz vor ihrem Tod gequält wurde. Der Wölfin sei kurz vor dem Tod ein Draht durch die Pfote gezogen worden, heißt es in dem Obduktionsbericht (*3).


Quellen (alle abgerufen am 30.7.2019):

(*1) ndr.de am 25.07.2019 15:30: „Tote Wölfe: Schießen, schaufeln, schweigen?“, hier der Link!

(*2) Die Artenschutzpolitik setzt, egal ob mit dem Washingtoner Artenschutzabkommen, der Berner Konvention oder der FFH-Richtlinie, nicht auf Abschüsse der streng geschützten Wölfe, sondern auf Herdenschutz und fördert diesen so gut wie nie zuvor.

(*3) Schaumburger Nachrichten am 15.2.2019:

(*4) ndr.de am 29.7.2019: „Institut: Erschossene Wölfin wurde gequält“, hier der Link!