Ein Autor macht noch keinen Sommer

Vorhin hat mir ein aufmerksamer Leser einen Zeitungsartikel aus der heutigen Ausgabe der Nordsee-Zeitung zugespielt. Die Redakteure Kristin Seelbach und Christian Dröscher haben darin den „Anti-Wolfs-Experten“ Dieter Hartwig interviewt. Kennen Sie nicht? Hm, kannte ich bis vorhin auch noch nicht…

Hartwig hat vor einigen Jahren offenbar mal ein Buch geschrieben. Sein Werk „Wölfe: Verhasst – Verfolgt – Verharmlost“ ist in der „Wolfsszene“ nahezu unbekannt und dessen Thesen haben bis heute scheinbar auch keine große Anhängerschaft gefunden.

Sein Buch ist beim Online-Anbieter Amazon nicht mehr erhältlich, die alleinige Rezension dort stammt von Barbara K., deren einzige andere Amazon-Bewertung die eines Küchenrollen-Halters ist.

Erwartungsgemäß sieht Hartwig die Wolfsrückkehr kritisch, sie sei aus seiner Sicht von der Landbevölkerung „nicht zu tolerieren“.

Er verkennt allerdings (oder ignoriert), dass die Herrschaftsstruktur in früheren Jahrhunderten, die er gerne zur Begründung heranzieht, eine feudale war. Er unterschätzt dementsprechend den Einfluss dieses Faktums auf die damalige Jagd.

Wenn man dann im weiteren Verlauf des Interviews auch noch lesen muss, dass „ …nur die Jäger die Möglichkeiten besitzen, um Wölfe waidgerecht zu erlegen“, Naturschützer Wölfe verharmlosen, weil sie nur mangelhafte Kenntnisse besäßen und Menschen nach Ansicht Hartwigs sogar zum Beuteschema des Wolfes gehören, ist für mich die Grenze zum Dilettantismus deutlich überschritten.

Die beiden Redakteure der Nordsee-Zeitung hätten bei ihrer Vorbereitung eigentlich bemerken müssen, dass sie es bei Hartwig mit einem ausgewiesenen Amateur zu tun haben.

Haben sie vermutlich auch. Und trotzdem haben sie sehenden Auges in Kauf genommen, dass ihre Leserinnen und Leser nach dieser Lektüre nun glauben, sie gehörten zum Beuteschema hiesiger Wölfe und ihre Kinder seien konkret in Gefahr.

Denn, so beschreibt es Hartwig im Interview: „Ein Wolf, der ein Schaf reißt, ist auch in der Lage, ein Kind zu reißen. Deshalb sind diese besonders gefährdet.“


P.S.: „Mancher Durchblick ist pure Augenwischerei.“

© Almut Adler


Quelle: Nordsee-Zeitung vom 17.7.2018: „Der Wolf kann auch für den Menschen gefährlich werden“, Interview von Kristin Seelbach und Christian Dröscher mit Dieter Hartwig