Erneute Verwirrung um Wolfszahlen

Viel Häme erntete der Deutsche Jagdverband (DJV) in den sozialen Medien, nachdem Deutschlandfunk-Reporter Lars Westermann recherchierte, wie der Verband die Zahl von angeblich mehr als 1.000 Wölfen in Deutschland ermittelte (WM berichtete, hier!).

Tatsächlich dürfte der Anschein entstanden sein, die Jagdfunktionäre wüssten nicht einmal im Ansatz, wovon sie da eigentlich sprechen. Unterstrichen wird dieser Eindruck noch durch die Verbreitung des Trugschlusses, der „günstige Erhaltungszustand“ der Wölfe sei mit dem Überschreiten der Zahl von 1.000 “Grauen” in Deutschland bereits erreicht.

Einer Aufnahme ins Jagdrecht und einer Bestandsreduzierung stünde demzufolge nach Ansicht der Funktionäre nichts mehr im Wege, was tatsächlich darauf hinweist, dass ihnen nicht bekannt ist wie im Artenschutz „gerechnet“ wird. Einige Bauernverbandsvertreter und diverse Politiker scheinen sich dennoch der Argumentationslinie der Jagdverbandsfunktionäre kritiklos anzuschließen.

Aber liegt Reporter Lars Westermann mit seiner nun veröffentlichten Einschätzung eigentlich völlig richtig?

Schaut man sich die offiziellen Wolfszahlen einmal genauer an, stellt man schnell fest, dass die 60 Rudel, 16 Wolfspaare und zwei territoriale Wölfe, die zurzeit ständig zitiert werden, die offiziellen Wolfszahlen des „Stichtages“ 30. April 2017 (also dem Ende des Wolfsjahres 2016/17) repräsentieren.

Die Zahlen des darauf folgenden (und für uns bereits vergangenen) Wolfsjahres mit Stichtag 30. April 2018 werden üblicherweise erst ein halbes Jahr später, also voraussichtlich erst in wenigen Wochen veröffentlicht. Gewöhnlich dürften diese Zahlen so um 30% über denen des Vorjahres liegen. Etwa 78 Wolfsrudel wären demnach zu erwarten.

Weil wir üblicherweise die Rudelzahl mit 10 multiplizieren, um eine heuristische Gesamtzahl nah an der Realität benennen zu können (man geht von einer durchschnittlichen Rudelstärke von 8 Tieren aus und schlägt denen noch statistische zwei nicht rudelgebundene Tiere – einen Jung- und einen Altwolf – zu, die entweder als Paar oder alleine unterwegs sind), kann man zum Stichtag 30. April 2018 von insgesamt etwa 780 Tieren in Deutschland ausgehen.

Nun haben sich allerdings im Winter und Frühjahr neue Paare gebildet, die vom Monitoring noch nicht erfasst werden konnten und die ihren Nachwuchs üblicherweise erst im Mai, also nach dem eigentlichen „Bilanzierungstag“ am 30. April des Jahres, erhalten.

Dieser Nachwuchs bildet dann die Grundlage für die 2018/2019`er Zahlen. Und diese könnten dann – trotz einer Überlebenswahrscheinlichkeit der gewölften Welpen von nur etwa 30 bis 40% – tatsächlich bei rund 100 Rudeln liegen und zur Gesamtzahl von etwa 1.000 Wölfen führen.

Ob das allerdings tatsächlich so eintritt, wissen wir erst, wenn diese Zahlen im Herbst 2019 offiziell bestätigt werden, denn irgendwann wird das Populationswachstum der Wölfe von derzeit durchschnittlich ca. 30% pro Jahr wieder abflachen. Der Rest ist reine Prognose.

So falsch liegen die Jagdfunktionäre mit ihren Zahlen also scheinbar gar nicht. Sie wissen offensichtlich nur nicht, das zeigte jetzt die Recherche von Lars Westermann, warum.

Ist mit den mehr als 1.000 Wölfen und Wölfchen dann tatsächlich die scheinbar magische Zahl erreicht, ab der der Schutzstatus des Wolfes gelockert und der Beutegreifer ins Jagdrecht übernommen werden kann?

Nein!

Denn im Arten- und Naturschutz zahlen auf das „Erhaltungszustandskonto“ wegen der hohen Sterblichkeitsrate der Jungwölfe nur erwachsene, also geschlechtsreife Wölfe ein.

Um unsere Heuristik auch hier zu bemühen: pro Rudel sind das zwei Elterntiere, denen man noch ein statistisches drittes erwachsene Tier (außerhalb des Rudels) zuschlägt, was zu Zahlen führt, die sich in der Vergangenheit als realitätsnah erwiesen haben.

In der Summe kann man demnach je nachgewiesenem Wolfsrudel von drei real existierenden erwachsenen Tieren ausgehen.

Das bedeutet, dass – selbst wenn es bereits 1.000 Wölfe in Deutschland geben sollte, die in etwa 100 Rudeln zusammenleben – nur 300 erwachsene Wölfe auf das Konto des „günstigen Erhaltungszustandes“ einzahlen.

Die anderen Wölfe bezeichnete Buchautor Andreas Beerlage in seinem Buch Wolfsfährten als „Geisterwölfe“.

Ulrich Wotschikowsky schrieb bereits im September 2014 einen lesenswerten und noch einige Schritte weiterführenden Artikel über diese Zahlenlehre. Seinen Beitrag können Sie hier! nachlesen.

Meines Erachtens muss dieser Artikel einige Jahre später nur an zwei Stellen ergänzt werden: Wotschikowskys damaliger Tipp, die Diskussion über die Voraussetzungen zur Bejagung der Wölfe zu führen, kam (und kommt meines Erachtens immer noch) viel zu früh. Das hatte u.a. zur Folge, dass wegen zahlloser Missverständnisse und Fehlinterpretationen im aktuellen Koalitionsvertrag bereits heute von einer „notwendigen Bestandsreduzierung“ die Rede ist.

Hier schien es einigen Koalitionären offensichtlich weniger um den inhaltlichen Diskurs als um die politische Deutungshoheit zu gehen.

Und zweitens gibt es dort, wo Wotschikowsky damals Forschungsbedarf ausmachte, zwischenzeitlich neue Erkenntnisse. Zu Unterfütterung des Arguments vieler Wolfsgegner und Politiker, Wolfsabschüsse würden die Akzeptanz der Beutegreifer in der Bevölkerung erhöhen, mangelt es offenbar an wissenschaftlichen Beweisen. Zu diesem Ergebnis kam kürzlich Yaffa Epstein von der schwedischen Universität Uppsala. Weiter Infos dazu finden Sie hier!

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Ihr

Jürgen Vogler


Quelle: woelfeindeutschland.de am 18. September 2014: „Wie viel Wolf verträgt das Land?“ von Ulrich Wotschikowsky