Lokaler Fokus beim Wolf – These 5

5. These: Wolfsmanagement braucht einen lokalen Fokus, die Kommunikation der Beteiligten untereinander muss lokal synchronisiert werden, um im Bedarfsfall zügig Handlungsfähigkeit zu gewährleisten. Die lokale Einsatzbereitschaft sollte entwickelt werden, noch bevor ein bundesweites Kompetenzzentrum eingerichtet wird, wie einige Naturschutzverbände es bereits seit geraumer Zeit fordern.


Sollte sich ein Wolf oder gar ein Wolfsrudel „verhaltensauffällig“ zeigen, ist dies zuallererst ein lokales Phänomen und Problem. Deshalb ist es erforderlich, dass ein oder mehrere ausgebildete und jederzeit einsatzbereite Experten unmittelbar vor Ort sind, über die Notwendigkeit einzuleitender Maßnahmen entscheiden können und selbst in der Lage sind, die notwendigen Schritte angemessen durchzuführen. Die zahlreichen Wolfsberater, die von den Ländern berufen und ausgebildet wurden, verfügen bisher (noch) nicht über die dafür nötige Ausbildung. Sie sind in der Regel darauf spezialisiert, Daten für die wissenschaftliche Auswertung von Wolfsvorkommen zu sammeln, Erstbesichtigungen von Wolfsrissen vorzunehmen sowie über Herdenschutzmaßnahmen und Ausgleichszahlungen zu informieren und Öffentlichkeitarbeit zu leisten.

Vor Ort werden im Bedarfsfall jedoch Befugnisse und Fähigkeiten benötigt, die weit über das derzeitige Aufgabenprofil der ehrenamtlich tätigen Wolfsberater hinausgehen. Den Aufgabenkatalog habe ich in der 4. These bereits aufgezeigt. Ebenso ist dort ein Vorschlag zu lesen, wie sich das Ganze gegebenenfalls als gemeinnützige Hilfsorganisation unter Einbindung der besonders betroffenen Verbände organisieren ließe.

Reaktions- und Notfallpläne
Der NINA-Report* aus dem Jahr 2002 verweist darauf, Reaktions- und Notfallpläne für den Fall zu entwickeln, dass Wölfe sich Menschen zu sehr annähern. Bisher sind in den Managementplänen der Länder allerdings bloß „Orientierungsbeispiele“ benannt, nach denen eine erste kritische Ursacheneinschätzung des Wolfsverhaltens vorgenommen werden kann. Dort wird zum Beispiel der Umstand, dass sich Wölfe im Hellen in Sichtweite von Ortschaften oder Einzelgehöften blicken lassen, als unkritisch bewertet, weil Wölfe zwar grundsätzlich Menschen meiden, nicht aber menschliche Strukturen. Ein Reaktions- und Notfallplan im Sinne des NINA-Reports muss jedoch mehr als eine solche Orientierungshilfe umfassen und leisten. Es geht dabei letztlich um vorher trainierte „Einsatzszenarien“, ähnlich denen der Feuerwehren (retten, löschen, bergen), denn es ist eine alte Binsenweisheit, dass im Ernstfall nicht funktioniert, was nicht vorher auch geübt wurde. Folgerichtig sollten in allen Wolfsgebieten handlungsfähige Teams („Wolfscouts“) verfügbar sein, die im Bedarfsfall schnell und eigenverantwortlich einen „auffälligen“ Wolf aufspüren, angemessen vergrämen oder – als letztes Mittel der Wahl – auch „sanft entnehmen“ (einfangen) können. Unter Nutzung bereits bestehender Kommunikationsangebote, wie Applikationen (Apps), öffentlich zugängliches digitales Kartenmaterial (z.B. „Open-Street Map“) und bekannte Social-Media-Angebote (z.B. WhatsApp) ist es bereits heute ohne großem Aufwand möglich, die dazu erforderliche interne Koordination und Kommunikation zu synchronisieren.
Wohl nur mit lokal präsenten Lösungsansätzen lassen sich die ängstlichen Teile der Bevölkerung dauerhaft beruhigen und die Wolfsgegner langfristig überzeugen.


Nun doch: Beratungs- und Dokumentationsstelle Wolf des Bundes
Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) gab nun Ende Mai 2015 zum Abschluss einer Umweltministerkonferenz der Länder bekannt, dass der Bund demnächst eine „Beratungs- und Dokumentationsstelle Wolf“ einrichten wird (Wolfsmonitor berichtete). Dort soll – der Berichterstattung von fokus.de zufolge – künftig auf Ebene des Bundes geklärt werden, wie Tierherden vor Wölfen geschützt werden können und wie künftig mit auffälligen Tieren umgegangen wird.
Die 5. These auf Wolfsmonitior, die beschreibt, warum lokale Lösungen noch vor einem bundesweiten Kompetenzzentrum nötig sind, wurde rund einen Monat vor dieser Entscheidung formuliert, nämlich bereits im April 2015. Die Gründe wurden bereits oben skizziert, es darf – um die Akzeptanz des Wolfes nicht weiter zu gefährden – in der Bevölkerung nicht der leiseste Verdacht bestehen bleiben, dass „renitentes“ Wolfsverhalten auch nur annäherungsweise toleriert wird.


Betrachten wir die Entscheidung des Bundesumweltministeriums nun jedoch einmal kritisch. Sowohl der Deutsche Jagdverband (DJV) als auch der Naturschutzbund Deutschland (NABU) forderten bereits seit geraumer Zeit die entsprechende Einrichtung einer Fachstelle auf Bundesebene. Dies wird unter anderem damit begründet, dass Wölfe sich in ihrer Ausbreitung nicht an Landesgrenzen orientieren und die föderalen Strukturen eine Abstimmung zwischen den Ländern erschweren. Es besteht jedoch der leise Verdacht, dass sich die bundesweit agierenden Verbände eine entsprechende Anlaufstelle auf ihrer Agitationsebene – nämlich der Bundesebene – nicht zuletzt deshalb wünschen, um ihre Interessen wirksamer vertreten zu können. Denn viele kleinere Vereine und Verbände, die nur landesweit organisiert sind, dürften dadurch künftig von der inhaltlichen Diskussion abgeschnitten sein. Liegt hier vielleicht ein Motiv oder handelt es sich nur um reine Spekulation?


Außerdem sollte – so zeigen es bereits erste Statements in den sozialen Medien – bei so viel öffentlichem Engagement aufgepasst werden, dass die Akzeptanz des Wolfsmanagements durch derart kostspielige Entscheidungen keinen Kollateralschaden erleidet. Nicht selten wird bereits heute angemerkt, dass mit der Einrichtung einer zusätzlichen Fachstelle weitere Steuergelder verschwendet werden, die anderswo besser verwendet werden könnten. Vielleicht ist allein deshalb über eine Beteiligung der dem Wolfsschutz besonders verpflichteten Verbände an den Kosten der neuen Einrichtung nachzudenken?


Auch besteht die Gefahr der weiteren „Bürokratisierung und Administrierung des Wolfes“. Was einerseits als Chance gesehen werden kann, nämlich künftig ohne Widersprüchlichkeiten mit „einer Stimme“ zum Beispiel aktuelle Wolfszahlen zu veröffentlichen, birgt andererseits die Gefahr, dass sich die Abstimmungs- und Entscheidungswege, zum Beispiel ob und wie mit einem vermeintlich auffälligem Wolf umgegangen werden soll, nun verlängern und notwendige Entschlüsse sich dadurch verzögern.


Ferner muss es die neue Stelle auch leisten können, die „Kompetenzen aller zuständigen Bundesressorts zu bündeln“, wie es die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag, Gitta Connemann, bereits im März mit ihrem Vorschlag einer „Task Force Wolf“ (Wolfsmonitor berichtete), forderte.


Chancen

Lenkt man den Blick jedoch auf die Chancen, die mit der Einrichtung einer „Melde- und Dokumentationsstelle Wolf“ auf Bundesebene verbunden sind, ergeben sich auch zahlreiche gute Argumente. Insbesondere die Vereinheitlichung der Förder- und Schadenspräventionsmaßnahmen über Ländergrenzen hinweg wäre möglich, ebenso wie die Angleichung der Richtlinien zum Schadensausgleich. Es könnten gemeinsam erarbeitete Vorgaben in die neuen Pläne der Länder einfließen, die bisher noch nicht über Wölfe und Wolfsmanagementpläne verfügen. Medienvertreter könnten sich – anders als bisher – bei einer zentralen Anlaufstelle informieren, die kompetent Auskunft zu allen Fragen über Wolfsvorkommen und das Wolfsmanagement in Deutschland geben könnte. Forschungsvorhaben könnten zentral formuliert und koordiniert sowie durch einen entsprechenden wissenschaftlichen Beirat bewertet werden und selbst die von Wolfsmonitor vorgeschlagene lokale Präsenz von Experten und deren Ausbildung könnte von dort aus zentral in Angriff genommen werden. Außerdem könnte von der zentralen Stelle beim Bund ein alle Länder und Verbände umfassendes Kommunikations- und Kooperationsnetzwerk aufgebaut und etabliert werden, wie es in vielen Branchenbereichen der Wirtschaft bereits üblich ist. Alle relevanten Organisationen und Einrichtungen des Wolfsmanagements in Deutschland könnten mit Hilfe eines solchen Netzwerks eng angebunden werden und der Gefahr, dass nur landesweit organisierte Vereine und Verbände durch die neue Struktur von der künftigen Diskussion künftig ausgeschlossen werden, könnte so aktiv entgegengewirkt werden. Darüber hinaus wäre die Stelle prädestiniert, die internationalen Abstimmungen – egal ob z.B. mit den Anrainerländern, der EU oder der IUCN, – vorzunehmen.


Unter Abwägung der hier genannten Bedenken und Chancen sollte der Plan des Bundesumweltministeriums am Ende auf vielen Seiten Unterstützung finden, allein, weil große Potenziale damit verbunden sind. Der Sache dienlich wäre es allerdings, wenn einerseits die Notwendigkeit der lokalen Handlungsfähigkeit dadurch nicht aus den Augen verloren würde und andererseits die neue Anlaufstelle nicht in die Hierarchie einer Bundesbehörde eingegliedert, sondern flexibler als „selbstständige und eigenverantwortlich Einrichtung“ geführt werden würde. Das könnte viele potenzielle „Reibungsverluste“ von vornherein minimieren.

Also dann…!
Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler
*(NINA – Norsk institutt for naturforskning, Report Nr. 731: “The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans”, Trondheim 2002, ISBN 82-426-1292-7)

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