Doppelmoral

Es mutet schon merkwürdig an, wenn Funktionäre wie der niedersächsische Landvolkvizepräsident Jörn Ehlers gebetsmühlenartig die Notwendigkeit des Abschuss von Wölfen durch Jäger einfordern, ihnen die Fakten allerdings zunehmend einen Strich durch ihre laienhafte Rechnung machen.

Im 13. Jahr der Wolfsrückkehr nach Niedersachsen zählte man dort nun den 1.000 Nutztierriss. In die Zählung einbezogen wurden dabei sowohl gerissene als auch später eingeschläferte Tiere.

Nur: Nach einem Höhepunkt der Risse im Jahr 2017 sank die Anzahl der direkten oder indirekten Wolfsopfer bereits im Folgejahr um etwa 14%. Im aktuellen Jahr 2019 deutet sogar alles darauf hin, dass die Zahl erneut sinkt. Und zwar signifikant!

Schlussendlich muss man bei den gleichzeitig steigenden Wolfszahlen von der zunehmenden Wirksamkeit der Herdenschutzmaßnahmen ausgehen.

Und diese wurden zu Beginn des Jahres noch einmal signifikant befördert, nämlich nach 80% auf 100% der Kosten der berücksichtigungsfähigen Positionen für Schutzwillige.

Die Hannoversche Allgemeine Zeitung meldete jedoch nun, dass erst 116 der 484 in diesem Jahr gestellten Anträge auf Unterstützung beim Herdenschutz bearbeitet wurden.

Es ist also noch ausreichend Luft nach oben für noch besseren Herdenschutz und noch weniger Risse in der norddeutschen Tiefebene.

Gerade deshalb wirken die Einlassungen des Landvolkvizepräsidenten wie gezielte Nebelkerzen. Überflüssig sind sie zudem. Die Fakten konterkarieren Ehlers Forderungen nämlich nachdrücklich.

P.S.: Allein im Jahr 2016 wurden 579.111 verendete Rinder über das Meldeprogramm des Herkunftssicherungs- und Informationssystems für Tiere gezählt (*1). Andere Nutztierarten noch nicht einmal mitgezählt. Was fordert der Landvolkvize eigentlich angesichts solcher Zahlen?

Ahnen Sie, liebe Leserinnen und Leser, warum dieser Beitrag die Überschrift „Doppelmoral“ trägt? Zuerst wollte ich eigentlich irgendetwas mit den Adjektiven „unerträglich“ und „untragbar“ schreiben…


Quellen (alle abgerufen am 26.8.2019):

(*1) topagrar am 28. April 2018: „Tierkörperbeseitigung: Mehr verendete Rinder abgeholt“ von Alfons Deter, hier der Link!

(*2) noz.de am 23. August 2019: „Bauernverband will Wolfsabschuss durch Jäger“.