Jim Brandenburg: Warum Wölfe Menschen gelegentlich folgen!

„Gelegentlich laufen Wölfe den Menschen hinterher, eine Eigenschaft, die meine Nachbarn in Ravenwood ziemlich nervös macht. Manche schreiben dieses Verhalten des Wolfes seiner Neugier zu, während andere es als eine Bedrohung empfinden. Ohne Zweifel trifft eher ersteres zu – nicht nur, weil der Wolf ein intelligentes Tier ist, sondern auch, weil der Wolf seit Urzeiten von den Jagderfolgen der Menschen profitierte. Hier in Minnesota fressen Wölfe häufig verwundete Hirsche, die menschlichen Jägern entkommen sind – und das sind Jäger, deren hochentwickelte Waffen den Verlust eines Hirsches viel unwahrscheinlicher machen, als dies bei unseren steinzeitlichen Ahnen vorgekommen sein dürfte.


Zu glauben, daß Wölfen die Jagdaktivitäten unserer Ahnen nicht bewußt waren – denselben Wölfen, die jeden Hügel, jeden Baum und jedes Bächlein in ihrem Revier kennen – ist töricht.


Trotz ihrer herausragenden Fertigkeiten müssen frühe Menschen wegen ihrer primitiven Waffen bei der Jagd eine hohe Fehlerquote gehabt haben. Da sich Wölfe häufig darauf verlassen, schwache oder verletzte Beutetiere zu finden, wäre die Taktik, menschlichen Jägern zu folgen, sehr erfolgversprechend gewesen. Auf diese Weise konnten Wölfe entkommene, verwundete Beutetiere fangen. Obwohl außerdem eingeborene Jäger die meisten Teile der Jagdbeute hervorragend verwerteten (und verwerten), gibt es immer noch Reste, die zwar Wölfen, nicht aber den Menschen schmecken. Indem Wölfe hinter uns herzogen, fanden und fraßen sie diese Brocken.


Vielleicht sind wir so zu einem Umweltfaktor in der Nahrungsaufnahme der Wölfe geworden – so wurde die Jagd für den Wolf leichter und vorhersagbarer, als wenn er nach altersschwachen oder kranken Beutetieren hätte suchen müssen. Wahrscheinlich geht das Verhalten, den Menschen zu folgen, auf die frühesten Begegnungen mit Menschen zurück.“


(Quelle: Jim Brandenburg (* 1945), preisgekrönter amerikanischer Naturfotograf, Filmemacher und Buchautor, zitiert aus: „Bruder Wolf –  Das vergessene Versprechen“, Tecklenborg Verlag Steinfurt 1996, Seite 91; weitere Informationen zum Autor finden sie hier!,  Jim Brandenburgs Blog hier!)

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