„Wolfsgutachten“ in Nordrhein-Westfalen: Zweifelhafte Objektivität!

Angenommen, liebe Leserinnen und Leser, Sie wären außergewöhnlich stark an sportlichen Autos von Mercedes interessiert. Also quasi Liebhaber der Modelle dieses Herstellers und möchten möglichst alles darüber wissen. Würden Sie sich dann ein Buch über Fiat- Modelle kaufen?

Nein?

Merkwürdig. So groß ist der Unterschied doch gar nicht. Auto ist doch Auto, oder?


So oder so ähnlich haben sich das scheinbar auch die Verantwortlichen vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) – ehemals „Westfälischen Bauernverein“ – und vom Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden (VJE) gedacht, als sie ausgerechnet den Biologen Prof. Dr. rer. nat. Hans-Dieter Pfannenstiel mit der Aufgabe betrauten, ein „Wolfsgutachten“ zu verfassen.

Vielleicht glauben die Verbandspräsidenten ja auch immer noch, sie hätten ein Mercedes-Buch bestellt und sogar eines erhalten. Wir hier bei Wolfsmonitor (und den angeschlossenen Meinungsbildnern in den Sozialen-Medien) glauben allerdings, es wurde „nur“ Fiat geliefert.

Was nun? Geld zurück?


„Gutachter“ Pfannenstiel, so ist im Netz zu erfahren, scheint in der Öffentlichkeit eher als populärer Autor einschlägiger Jagdmagazine (Wild und Hund, Unsere Jagd,…) bekannt zu sein und weniger als renommierter Wolfswissenschaftler. In „Wolfskreisen“ ist er nahezu ein Unbekannter.

In Jagdkreisen scheint er allerdings sogar zu veterinärmedizinischen Fragen Stellung zu beziehen. Wir haben halt alle unsere Hobbys, gell ;-)

Seine eigentliche wissenschaftliche Profession war (bis 2008) das Thema „Embryonalentwicklung und Geschlechtsentwicklung verschiedener mariner wirbelloser Tiere“ und zuletzt auch das Dam- und das Schwarzwild (…sind doch auch Autos, …äh Tiere, – wenn auch keine Wölfe).

In einem „offenen Brief“ an einen Abgeordneten der GRÜNEN in Nordrhein-Westfalen, den man leicht im Netz finden kann, liest man außerdem, wie Pfannenstiel GRÜNE-Parteimitglieder als „selbsternannte Öko Gurus“ bezeichnet.

Somit sind spätestens die Karten gelegt, als er in seinem „Gutachten“ (ich setzte das Wort in Anführungsstriche, weil ich das Papier als „subjektive Streitschrift“ und nicht als „Gutachten“ bewerte, denn immer wieder verfällt der Verfasser darin in die „Ich-Form“) einleitend feststellt, dass…„Wissen aus mehr als 40 Berufsjahren als Biologe und Erfahrung aus 50 Jahren mit Wildbewirtschaftung und Jagdwesen bei der Einschätzung der Situation hilfreich und für mich entscheidende Kriterien der Objektivitätsind. (S.9)

Aha, Objektivität also. Hier mal drei Beispiele dieser beispiellosen „Objektivität“ direkt aus dem „Gutachten“ (die besonders objektiven Stellen unterstrichen):

„Schon an dieser Stelle muss die Warnung ausgesprochen werden, dass die nach Meinung des Gutachters in absehbarer Zeit erforderliche reguläre Bejagung des Wolfs nicht notwendigerweise von Jagdausübungsberechtigten durchgeführt werden wird, wenn der Wolf nicht zum Wild gehört, wenn er also nicht dem Jagdrecht unterliegt. Es besteht dann die akute Gefahr einer Erosion des Jagdrechts.“ ( S. 13)

„Separat für jede dieser benannten Populationen einen günstigen Erhaltungszustand mit 1.000 geschlechtsreifen Individuen zu fordern, ist weder rational noch dient diese Forderung dem Artenschutz in Anbetracht der zumindest für Deutschland sich bereits abzeichnenden Konflikte mit dem Menschen.“ (S. 33)

„Bei im Mittel etwa acht Rudelmitgliedern wären das 4.000 Wölfe! Diese Forderung ist populationsbiologisch selbst in Anbetracht einer Verdoppelung der Zahl von Wölfen alleine in Deutschland alle drei Jahre und der rasanten Ausbreitung nicht sinnvoll.“ (S.46)


Ich will das Ganze hier abkürzen, und meine Leserinnen und Leser nicht unendlich langweilen. Deshalb mein ganz persönliches Fazit:

Nicht ich, sondern die Verantwortlichen vom Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverband (WLV) und vom Verband der Jagdgenossenschaften und Eigenjagden (VJE) müssen ihren Mitgliedern nun erklären, weshalb ihnen ausgerechnet dieser Fachmann für „marine wirbellose Tiere“ und Hobbyjäger unter Zuhilfenahme hinterfragungswürdiger Quellen (Granlund, Geist und Stubbe) nun erklärt, warum Wölfe bejagt werden müssen (was auch nach diesem „Versuch“ Pfannenstiels nach wie vor abstrus und falsch ist).

Mir selbst – und ich beobachte die Wolfsszene und ihre Eigenheiten nun schon seit einigen Jahren sehr intensiv – ist ein ernstzunehmender Experte hinsichtlich unserer Wölfe mit Namen Pfannenstiel bis zu diesem „Gutachten“ nicht einmal bekannt gewesen.

Ich nehme für mich nicht in Anspruch jeden zu kennen, doch (objektiv) merkwürdig ist das schon (zumal es meinen „Leidensgenossen“ im Netz auch so geht). Zudem kann ich mit zahlreichen der vorgebrachten Argumente Pfannenstiels auch nicht besonders viel anfangen. Ein Beispiel:

„Das Wild allerdings zeigt bei Anwesenheit des Wolfs auffällige Verhaltensänderungen. Dam- und Rotwild bilden zeitweilig Großrudel, die als Angstrudel interpretiert werden können.“ (S.53)

Jüngst in der Augustausgabe des „Jägermagazins“ schrieb W. S. aus Kempenich in einem Leserbrief, dass sich dort ebenfalls Großrudel bilden würden. Und zwar wegen des permanenten Jagddrucks durch die Nachtjagd von Jägern auf Sauen. Wölfe gebe es bei ihm keine, Großrudel trotzdem.

Merkwürdig, oder?

Ferner finde ich in dem „Gutachten“ inhaltlich überhaupt nichts Neues. Nur Zusammengewürfeltes. Pfannenstiel bediente sich – neben seinem ganz persönlichen „objektiven“ Wissens- und Erfahrungsschatz – offensichtlich ausgiebig in den äußerst umstrittenen Quellen.

Entgegen seiner persönlichen Einschätzung befindet er sich argumentativ deshalb auch nicht in der „neutralen“ und damit „ausgewogenen“ Zone, also irgendwo in der Mitte zwischen extremen Wolfsgegnern und Wolfsfreunden, sondern – besonders weil er die bereits zitierten Quellen von Granlund, Geist und Stubbe zur Begründung seiner Ansichten heranzieht – auf einschlägigem „Wolfsgegnerkurs“ (…objektiv gesehen).

Die von ihm geforderte „offene Debatte“ beinhaltet deshalb (so ist es in den westfälischen Nachrichten zu lesen), dass…„das auch bedeuten kann, dass die Ansiedlung der Wölfe komplett verhindert wird.“ (*1)

Herdenschutzaspekte spielen in Pfannenstiels Pamphlet überdies nur eine nachgeordnete Rolle. Er benennt – als ehemaliger Hochschullehrer – hier nur statistische Zahlen und zeigt sich offenbar nicht in der Lage, sie in den sinnvollen Zusammenhang zu den jeweiligen vorhandenen oder auch nicht vorhandenen Herdenschutzmaßnahmen zu bringen, obwohl genau dieser Punkt der zentrale „Tipping-Point“ der gesamten Wolfsdebatte ist.

Insofern ist ein Mehrwert im „Gutachten“ diesbezüglich nicht zu finden. Und fehlt demnach vollständig!

Bleibt mir noch, abschließend eine zentrale These Pfannenstiels vorzustellen. Er schreibt:

„Es gibt weder stichhaltige juristische noch wildbiologische oder populations-ökologische Gründe, weswegen der Wolf nicht auch in Deutschland planmäßig bejagt werden könnte.“

Das ist übrigens nachweislich falsch! Ich entgegne:

„Es gibt weder stichhaltige juristische noch wildbiologische oder populations-ökologische Gründe, weswegen der Wolf in Deutschland planmäßig bejagt werden müsste oder sollte.“

Und die gab es weder vor, noch gibt es sie nach Pfannenstiels vermeintlichen „Gutachten“…das auf mich persönlich – nicht zuletzt auch, weil relevante zeitgemäße Studien einerseits schlichtweg ignoriert werden (wie beispielsweise die von Robert B. Wielgus und Kaylie A. Peebles), dafür andererseits jedoch dem Leser sogar Zahlen aus dem Jahr 1873 glaubhaft „verkauft“ werden sollen – wie ein peinliches „Gefälligkeitsgutachten“ wirkt.

Just my two cents…

Jürgen Vogler


P.S:  Sieben Mal wurden in diesem Jahr bislang Wölfe in NRW gesichtet, zuletzt im Mai. Dabei handelte es sich um durchziehende, nicht sesshafte Einzeltiere. Die Bauernverbandsinitiative wirkt allein schon aus diesem Grund nahezu wie eine „Farce“. Hier will offenbar jemand das „Bärenfell“ verteilen, bevor der „Bär“ überhaupt da ist….


Quellen:

(*1) Westfälische Nachrichten am 8.8.2017: „Landwirte und Jagd-Verpächter fordern Debatte über Jagd“ abgerufen am 8.8.2017, hier der Link!

(`2) „Wolfsgutachten“ von Prof. Dr. Hans-Dieter Pfannenstiel, Downloadbar von www.wlv.de, abgerufen am 8.8.2017, hier der Link!

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