Wölfe als „Schädlinge“?

Auf der Mitgliederversammlung der Landesjägerschaft Niedersachsen wurde Ende letzter Woche das Präsidium neu gewählt. An der Spitze weiterhin: Helmut Damman-Tamke, auch agrarpolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion in Niedersachsen.

„Wir werden uns definitiv nicht zum Schädlingsbekämpfer hergeben“, so wird der LJN-Präsident auf der Webseite der Landesjägerschaft in Zusammenhang mit dem Wolfsmanagement zitiert (*1). Dieses wohl eher unglücklich gewählte Zitat offenbart eine intrinsische Haltung, die sich erst zu relativieren scheint, wenn es um die Eigeninteressen der Jagdgenossen geht.

Zum Beispiel in Zusammenhang mit dem Fasan, einem vor Jahrhunderten zu Jagdzwecken „eingebürgerten“ Hühnervogel, der zuletzt auch in Niedersachsen immer seltener wurde.

In einem aufwändigen von der Jägerschaft unterstützten Forschungsprojekt wird seit 2011 von der Tierärztlichen Hochschule Hannover (Tiho) versucht, die Ursachen für den Rückgang der Hühnervögel zu ermitteln.

Und die sind vermutlich vielschichtig: Der Mangel an Insekten in der intensiv genutzten Agrarlandschaft aber auch die Zahl an Füchsen, Mardern und Greifvögeln könnten nach den Untersuchungen der Wissenschaftler für den Populationsrückgang der Fasane verantwortlich sein.

Die logische Schlussfolgerung: Um den Rückgang zu stoppen, sollten diese „Räuber“ in größerer Zahl geschossen werden, glauben die TiHo-Forscher(*2).

Für den „eingebürgerten“ Hühnervogel sind demnach die heimischen Beutegreifer die „Schädlinge“, die bekämpft werden müssen.

Jäger als Schädlingsbekämpfer?  – alles eine Sache der Perspektive, so scheint es.

Doch nicht nur das: Dieses „Forschungsprojekt“ zeigt zudem die Grenzen des gewählten Forschungsansatzes auf. Meines Wissens kann keiner von den Forschern so genau sagen, zu welchem Anteil die genannten Beutegreifer früher, also vor dem Rückgang der Fasanenpopulation, in den Besatz eingegriffen haben.

Es fehlt somit eine wichtige wissenschaftliche Referenzgröße für ein eindeutiges und aussagekräftiges Untersuchungsergebnis. Die Empfehlung der Forscher, Räuber nun in größerer Zahl zu schießen, erscheint vor diesem Hintergrund zumindest fragwürdig. Sie wird jedoch seitens der Jäger kaum in Frage gestellt.

Der Insektenmangel als zweite Ursache des Rückgangs der Fasanenpopulation ist vermutlich zu einem nicht geringen Anteil ein Ergebnis der intensiven Bewirtschaftungsform der Ländereien, also in der intensiven Agrarwirtschaft zu finden.

Jedem, der bereits länger ein Kraftfahrzeug nutzt, dürfte aufgefallen sein, dass seine Windschutzscheibe seit einigen Jahren verdächtig sauber bleibt.

Wo man früher nach wenigen Kilometern Autobahnfahrt die Scheiben mit einem „Fliegenschwamm“ säubern musste, um die Fahrt überhaupt noch fortsetzen zu können, kann man heute entspannt weiterreisen. Insektizide, Fungizide, Herbizide, Pestizide, gebeiztes Saatgut und Co. sorgen augenscheinlich für eine chemisch gereinigte Umwelt und damit auch für weniger Vogelnahrung.

Die Frage ist also, was hier geschehen muss, um dem leisen Niedergang vieler Arten und damit auch des Fasans wirksam zu begegnen.

Kann man als Nichtjäger von einem agrarpolitischen Sprecher einer Volkspartei eigentlich nicht erwarten, dass er sich auch diesen „chemischen Schädlingen“ mindestens so intensiv widmet wie dem Neozoen Fasan?

Helmut Dammann-Tamke ist nicht nur Jäger und Politiker, er ist auch studierter Agraringenieur und Betriebsleiter eines landwirtschaftlichen Familienbetriebs in Ohrensen. Grundsätzlich zuzutrauen wäre es ihm bei seinem fachlichen Hintergrund also…

Neues Jagdgesetz in Baden- Württemberg

Unterdessen wurden in Baden–Württemberg im April alle Teile des „Neuen Jagdgesetzes“ gegen den Widerstand von CDU, FDP und Landesjagdverband in Kraft gesetzt. Nach einem mühsamen Abstimmungsprozess werden die Jäger damit in ein Gesamtmanagement eingebunden und künftig vom Ministerium mit auszuführenden Arbeiten beauftragt. In den Reutlinger Nachrichten beschreibt Autor Hartmut Riemer das so (*3):

„Kernpunkt des Gesetzes ist das sogenannte Schalenmodell mit ihm werden die Wildtiere in drei Gruppen, in so genannten Management-Stufen gelistet.

  1. Im Nutzungs-Management stehen Wildtiere, deren Bestand nicht gefährdet ist. Sie können und müssen bejagt werden, zum Beispiel Wildschwein, Reh und Fuchs.
  2. Im Entwicklungs-Management stehen Wildtiere, deren Bestand gering, also teilweise gefährdet ist. In vielen Gegenden Baden-Württembergs betrifft dies Feldhase und das Rebhuhn. Sie dürfen bejagt werden, wenn sie örtlich genügend vorhanden sind. Ob und wie lange das der Fall ist, muss aber sorgfältig beobachtet werden.
  3. Im Schutz-Management stehen Wildtiere, deren Bestand in ganz Baden-Württemberg gefährdet ist, nämlich Auerhuhn und Birkhuhn.“

Beiräte, die aus den beteiligten bürgerlichen Interessensgruppen zusammengesetzt sind, also aus den politischen Parteien, den Jägern, den Bauern, den Gemeinden und den Natur- und Tierschützern, beraten das Ministerium nun bei Verschiebungen in den oben genannten Managementstufen.

Autor Hartmut Riemer bewertet diesen Weg als „Abschied von der Alleinverantwortlichkeit der Jäger hin zur real existierenden gesellschaftlichen Vielfalt.“

Der Begriff des „Schädlings“ dürfte somit in Baden-Württemberg künftig neu, nämlich gesellschaftlich breit akzeptiert definiert werden. Ein Zukunftsmodell auch für andere Länder?


Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler


Quellen:

(*1): Landesjägerschaft Niedersachsen e.V., www.ljn.de, Artikel: „Mitgliederversammlung der Landesjägerschaft Niedersachsen e.V.“ vom 6.5.2016, abgerufen am 10.5.2016, hier der Link!

(*2): Landesjägerschaft Niedersachsen e.V., www.ljn.de, Artikel: „Insektenmangel und Raubwild wohl schuld am Fasanen-Schwund“ vom 23.02.2016, abgerufen am 10.5.2016, hier der Link!

(*3): Reutlinger Nachrichten, www.swp.de, Artikel von Hartmut Riemer: „IMPULSE: Die Bürgerjagd“ vom 7.5.2016, abgerufen am 10.5.2016, hier der Link!

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