Missliebige Denkanstöße unerwünscht?

„Wer anderen die Freiheit verweigert, verdient sie nicht für sich selbst“…(A.Lincoln)

Von Wolfsberatern wird eine positive Grundhaltung zum Wolf erwartet. Sachliche Aufklärung, eine neutrale Begutachtung von Nutztierrissen ohne Ergebnisvorwegnahme, die Mitwirkung am Monitoring, die Aufklärung und Information der Bevölkerung und abschließend noch vertiefte Informationen zum Herdenschutz und Ersatzleistungen für Nutztierhalter gehören zu den vordringlichen Aufgaben dieses Ehrenamtes.

Aufklärung und Information kann man treffgenau leisten, wenn es einen Leitfaden gibt, der keine Fragen offen lässt.

Egal, ob es um das Wolfsverhalten, Verhaltensmaßregeln für Wolfsbegegnungen oder Präventionsmaßnahmen geht – alles kein Problem, solange sich der Wolf in seinem Verhalten tatsächlich an seine Literaturbeschreibung hält. Wenn er also als „statisches Wesen“ begriffen wird.

Es hilft jedoch keine „Wolfsprosa“, die dem Wolf ein literarisches Mäntelchen umhängt, das ihm zu eng und wider seiner Natur ist.

Es braucht ein Verständnis für die Habitatanpassung und Habitatprägung einer höchst Intelligenten, lernfähigen Spezies und es braucht Visionen, die ein Wolfsmanagement in die Lage versetzen, unmittelbar, angemessen und glaubhaft zu reagieren.

Es sind die zwei Kardinalfehler eines Wolfsmanagements. Erstens eine unzureichende, falsche oder statische Beschreibung des Wolfsverhaltens, die sich immer wieder als unzureichend erweist und nachträglich zurechtgerückt werden muss.

Und zweitens zögerliche, unzureichende, falsche oder gar ausbleibende Reaktionen auf unerwünschtes Wolfsverhalten. Letzteres kann das Vertrauen der Öffentlichkeit in das Wolfsmanagement untergraben und im Zweifelsfall zu Situationen führen, in denen aggressives Wolfsverhalten die Folge sein kann.

Es ist unzureichend, auf neun tödliche Wolfsangriffe in Europa, von denen fünf tollwutbedingt waren, in den letzten 60 Jahren zu verweisen, wenn man verschweigt, dass die übrigen Opfer von Wolfsattacken Kinder waren.

Die gängigen Empfehlungen für Wolfsbegegnungen richten sich allerdings überwiegend an Erwachsene, von denen man das adäquate Umsetzen dieser Ratschläge erwarten kann.

Von Kindern ist jedoch meistens keine Rede, Hunde sind aber im Wolfsgebiet anzuleinen!

Es handelt sich dabei jedoch um eine Fragestellung, die den Wolfsberater spätestens auf seinen Vorträgen in Kindergärten ereilt.

Während „Alaska Fish & Game“ und „BC-Parks“ ein mehr aggressives Verhalten ggf. unter Einsatz von Pfefferspray bei Nahbegegnungen empfehlen, ist man hierzulande mit diesen Empfehlungen noch zögerlich. Gerade so, als hätte man Befürchtungen, den Wolf zu stigmatisieren.

Zwar kursiert der Hinweis auf die Kanadische Parkverwaltung aus der NINA-Studie auch im BfN-Skript 201, deren Verhaltensregeln für Wolfsbegegnungen man im Jahr 2002 übernommen hatte. Nur hat man den Blick über den Tellerrand vernachlässigt und die Modernisierung des Konzepts verpasst.

Der Managementplan für habituierte Wölfe des Yellowstone Nationalparks liefert hinreichend Anhaltspunkte für den Umgang mit unerwünschtem Wolfsverhalten, für das die vom Wolf ausgehende Annäherung an den Menschen bei Unterschreitung einer bestimmten Distanz der auslösende Parameter ist – für die Vergrämung und gegebenenfalls auch für die Entnahme.

Im Gegensatz zu hiesiger, weitverbreiter Auffassung wird dort Habituierung als eine Folge wiederholter konsequenzloser Begegnungen des Wolfs mit dem Menschen verstanden (McNay), während man hierzulande die Auffassung vertritt, dass es positiver Erfahrungen des Wolfs mit dem Menschen bedürfe.

Wölfe entwickeln nun einmal Anpassungsstrategien an ihr Habitat, das auch menschliche Infrastrukturen umfasst und entwickeln eine höhere Toleranz gegenüber der menschlichen Nähe, ohne dass es dafür aktiver Handlungen des Menschen bedarf. Es ist ein ergebnisoffener Prozess, der das gesamte Verhaltensspektrum von scheu bis distanzlos zulässt und sich nicht ausschließlich auf Jungtiere beschränkt.

Dementsprechend ist eine Empfehlung aus dem Skandinavischen Wolfsprojekt, „…dass die natürliche Scheu des Wolfes vor Menschen beibehalten werden soll oder Wölfe, die diese Scheu verlieren oder auf andere Weise aggressiv auftreten, dem Bestand entnommen werden sollen. Eine gut regulierte Jagd kann ein Weg sein, diese Scheu vor dem Menschen zu erhalten“ (Den Skandinaviska Vargenen sammanställning av kunskapsläget från det skandinaviska Vargforsknings projektet SKANDULV1998 –2014)

Dieses Zitat ist selbstverständlich kein Plädoyer für die Übernahme des Wolfs ins Jagdrecht und eine generelle Bejagung. Grundsätzlich ist die Entnahme die letzte Option. Nur ist dieses die Aussage eines wissenschaftlichen Forschungsprojekts und darf kein Tabuthema in einer Diskussion sein.

Die unglückliche Formulierung der Definition eines Beutespektrums, die es bei einem Nahrungsopportunisten nicht gibt, die Beschwichtigungsformel vom Wolf, der sich in Nahbegegnungen nicht aggressiv gezeigt habe, was sich bei der nächsten Begegnung als folgenschwere Fehleinschätzung erweisen kann – es scheint, als wäre man nicht bereit, aus den Erfahrungen und dem Wissen anderer lernen zu wollen.

Nun ist also ein „Verhaltenskodex“ für Wolfsberater auf den Weg gebracht worden, bei dem sich die Frage stellt, mit welchem Formulierungsvorgaben man die Unterzeichner dieser Verträge auf die Öffentlichkeit loslässt, wenn doch die vorgenannten Unzulänglichkeiten und viele weitere Fragen offensichtlich bzw. ungeklärt sind.

Die Lösung wäre ein formvollendeter Managementplan, der keine Fragen offen lässt, in sich schlüssig ist und wissenschaftlich mehr Basis hat als die bestehenden Managementpläne. Einer, der die Schaffung von Infrastrukturen für die Lösung unerwünschten Wolfsverhaltens beinhaltet, Definitionen und Ablaufpläne im Wolfsverhalten verbindlich festschreibt und der sich selbst eine periodische wissenschaftliche Fortschreibung und Anpassung seiner Inhalte verordnet.

Wenn dieser Managementplan auf den Weg gebracht ist, kann man einen brauchbaren Leitfaden für Wolfsberater verabschieden, mit dem effektiv und vorgabenkonform in der Öffentlichkeit gearbeitet werden kann.

Oft genug haben Wolfsberater sich in Gegenwart unmittelbar betroffener und auf Entschädigung wartender Nutztierhalter mit dem Hinweis auf die monatelangen DNA-Untersuchungen quasi schützend in vorderster Front vor das Ministerium gestellt und um Verständnis für diese Prozedur geworben – bis endlich Dr. Nowak mit einem kleinen Statement zu einem NDR-Bericht mit dieser Darstellung aufräumte.

Hierdurch wurden etliche Wolfsberater bloßgestellt, aber immerhin wurde Besserung gelobt und die DNA-Beprobung klappt nun zügiger.

Akzeptanz bedingt Ehrlichkeit und Transparenz.

Ohne die Freiheit der öffentlichen Meinungsäußerung sind missliebige Denkanstöße gegebenenfalls zu einem Dahinkümmern in den zuständigen Referaten der Ministerien verurteilt.

Es ist ein allgemeines, demokratisches Selbstverständnis, das auch für Wolfsberater gilt.

Klaus Bullerjahn

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