Wolfsabschuss offenbart ein Dilemma

Mit dem ersten legalen Abschuss eines Wolfes in Deutschland wurde  – so der Eindruck, wenn man heute die offiziellen Reaktionen in der Presse darüber liest – scheinbar ein sehr dringliches Problem „gelöst“.

Mehrfach ist zu lesen, dass mit der „letalen Entnahme“ des Wolfes nun die gefährdete Akzeptanz in der Bevölkerung für die Rückkehr der Wölfe gewahrt bleibe. Insofern sei das Opfer hinnehmbar, wenn nicht vielleicht sogar notwendig gewesen.

Die Logik, die sich hinter solchen Aussagen verbirgt, ist dennoch nur eine vordergründig richtige Logik.

Mit derselben naiven Denkweise, mit der in Deutschland anhand der statistischen Aufbereitung der abgeschossenen und verunfallten Wildtiere auf den noch verbleibenden lebendigen Wildtierbestand geschlossen wird oder auch der „Durchbruch der allgemeinen Intelligenz“ durch steigende Abiturientenzahlen begründet wird, mag man zu solch einem Resümee kommen.

Doch ist das nicht etwas zu kurz gesprungen?

Kann es vielleicht auch sein, dass künftig  –  sobald sich ein Wolf erneut bei Tageslicht in der Nähe bewohnter Gebiete zeigt (was übrigens völlig normal ist) – das Urteil „auffällig“ sogar viel früher gefällt und der Ruf nach einer letalen Lösung dann mit dem Verweis auf „damals“ nicht vielleicht noch schneller artikuliert wird?

Das bleibt abzuwarten, hätte dann allerdings mit der vielbeschworenen Wahrung der Akzeptanz von Wölfen nur noch wenig zu tun. Ich halte diesen fragwürdigen Effekt jedoch nicht für ausgeschlossen.

Operative Inkompetenz

Wiederholt kam es in letzter Zeit zu Nahbegegnungen eines besenderten Wolfes mit Menschen und deren Hunden in Niedersachsen. Sie alle wurden „Kurti“ zur Last gelegt. Derartige Nahbegegnungen bergen immer ein gewisses Unfallrisiko, das bleibt unbestritten.

Ich kann mich allerdings dennoch des Eindrucks nicht erwehren, dass vorgestern letztlich doch ein Tier auf dem „Altar des Versagens“ geopfert wurde. Warum?

Nach den misslungenen Vergrämungsversuchen des schwedischen Experten vor wenigen Wochen warteten die Verantwortlichen die weitere Entwicklung einfach ab, anstatt die Aktion fortzusetzen und die Vergrämung doch noch zeitnah zum Erfolg zu führen.

Mitunter fehlte dazu quasi das eigene Personal, das wohl erst noch ausgebildet werden muss, damit solche Vergrämungsaktivitäten fach- und tierschutzgerecht ausgeführt werden können.

In der Zeit dieses Abwartens gab es zahlreiche weitere Nahbegegnungen mit besenderten Wölfen in Niedersachsen. Ob es sich dabei jedes Mal um „Kurti“ handelte, ist meines Wissens nicht glaubhaft belegt, denn auch eine Schwester Kurtis trägt ein Sendehalsband.

Dieses Abwarten, diese eigene operative Inkompetenz ist es aus meiner Sicht, die letztlich dazu führte, dass nun ein Wolf geopfert wurde. Das eigentliche Problem wurde dadurch allerdings nicht wirklich aus der Welt geschaffen. Es wurde nur von ihm abgelenkt.

Mit Problem meine ich ein handlungsfähiges und operativ wirksames Wolfsmanagement.

Man kann den Verantwortlichen nur nahelegen, endlich das umzusetzen, was Minister Wenzel gestern in einer Pressekonferenz selbst andeutete:

Er sprach davon, dass für ihn mittelfristig eine „schnelle Einsatzgruppe“ denkbar sei (*1).

Wolfsmonitor gibt es nun bereits seit ziemlich genau einem Jahr. Und von Beginn an wird hier genau diese These vertreten, mit dem einzigen Unterschied, dass diese Experten hier als „Wolfscouts“ bezeichnet werden (mehr dazu hier!).

Was also genau heißt „mittelfristig“? Wie lange will man damit noch warten? Und wie viele Wölfe sollen noch aus Mangel an eigener Kompetenz „geopfert“ werden?

Wenn es sehr dumm gelaufen ist, ist die Atempause nur kurz und Kurtis Schwester wird uns schon bald zeigen, dass wir die Experten früher brauchen als uns lieb ist. Und auch Goldenstedt wartet noch auf eine Lösung…

Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler


( (*1) Quelle: NDR, www.nde.de, Artikel vom 28.April 2016: „Toter „Kurti“ soll in Berlin untersucht werden“, abgerufen am 29.4.2016, hier der Link!)

Kommentar verfassen