3 Antworten von Elli H. Radinger

Vor über 30 Jahren gab Elli H. Radinger ihren Job als Anwältin auf und widmete sich fortan den Wölfen und deren domestizierten Geschwistern, den Hunden. 1991 gründete sie zusammen mit dem Freilandforscher Günther Bloch die „Gesellschaft zum Schutz der Wölfe“ (GzSdW) und seit demselben Jahr ist sie Herausgeberin des regelmäßig erscheinenden „Wolf Magazins“, mit dem sie anschaulich über Wölfe und andere wilde Kaniden informiert. Lange Aufenthalte in den USA prägen seither Elli Radingers Zeit. Sie begegnete dabei oft freilebenden Wölfen, nicht zuletzt, als sie selbst längere Zeit mitten im Wolfsgebiet in Minnesota lebte. Seit 1995 beobachtet sie die Wölfe im amerikanischen Yellowstone-Nationalpark und arbeitet regelmäßig im Yellowstone-Wolfsprojekt mit. Auch heute noch veranstaltet sie Wolfsbeobachtungsreisen und bringt dabei Wolfsbegeisterten das Verhalten freilebender Wölfe näher.

Die in Wetzlar geborene „Grande Dame“ der deutschen Wolfsszene, wie ich sie bereits an anderer Stelle einmal nannte, schrieb neben den Seminaren, die sie gibt, zahlreiche Bücher über Wölfe aber auch einige Romane. Elli H. Radinger gilt darüber hinaus als erfolgreiche freie Fachjournalistin für Natur-, Tier- und Reisezeitschriften.

Zuletzt erschien im März 2016 von ihr das gemeinsam mit Günther Bloch geschriebene Buch: „Der Mensch-Hund-Code: Selbstbewusst durch den Dschungel der Hundeszene“ (hier der Link!).

Der Premierentermin für das nächste gemeinsame Projekt der beiden Autoren steht auch schon fest: Am 19. Mai 2017 stellen beide gemeinsam ihr nächstes Buch „Der Wolf kehrt zurück. Mensch und Wolf in Koexistenz?“ auf dem internationalen Canidensymposium „Wolf & Co 2017“ in Berlin vor. Dieses regelmäßig wiederkehrende Veranstaltungsformat rief Günther Bloch bereits 1999 ins Leben, um auf populärwissenschaftliche Weise über Kaniden zu informieren (hier ein Link!).

Wolfsmonitor hatte nun eine Gelegenheit zu einem Interview mit Elli H. Radinger:

Wolfsmonitor: Frau Radinger, in einem Interview sagten Sie einmal, Sie hätten von den Wölfen wichtige Regeln gelernt: „Liebe deine Familie“, „Kümmere dich um die, die dir anvertraut sind“, „Gib niemals auf“ und „Hör nie auf zu spielen“. Welche konkreten und bestimmt auch persönlich beeindruckenden Erlebnisse sind mit der Einsicht verbunden, dass Wölfe Botschaften für uns Menschen bereithalten?

Wie viele tausend Seiten hab ich zur Verfügung? Denn die würde ich brauchen. Ich habe in den 26 Jahren, in denen ich nun Wölfe beobachte, unglaublich viel gelernt, vor allem, dass wilde Wölfe längst nicht so sind, wie wir sie aus der Gehegeforschung kennen. Strategie, Kommunikation, Loyalität, aber auch Neugier, Geduld, Liebe. Das sind nur einige der Lektionen, die ich von ihnen gelernt habe. Sie sind uns gar nicht so unähnlich: liebevolle Familienmitglieder, autoritäre aber gerechte Leittiere, mitfühlende Helfer, durchgeknallte Teenager und alberne Spaßvögel. Sie kümmern sich aufopfernd um ihre Kinder und versorgen alte oder verletzte Mitglieder ihrer Familie. Ich sage oft mit einem Augenzwinkern, dass Wölfe – was das Sozialverhalten angeht – eigentlich die „besseren Menschen“ sind.

Im Herbst 2017 wird ein Buch von mir im Heyne-Verlag erscheinen, das genau dies zum Thema hat: was wir von den Wölfen lernen können.

Wolfsmonitor: Frau Radinger, Sie leben nun bereits seit Jahrzehnten zwischen den „Wolfswelten“ in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. Welche Gemeinsamkeiten und welche Unterschiede nehmen Sie dabei wahr?

Meinen Sie politisch oder real? Über die Politik mag ich im Moment gar nicht reden, denn sonst wird mir schlecht. Ich fürchte, dass unter einem Präsidenten Trump bald alle Wölfe, Grizzlys etc. gejagt werden dürfen, Öl in Naturschutzgebieten gefördert wird und jedes andere Horrorszenario möglich ist.

Was die Wölfe betrifft, so stelle ich oft fest, dass die „Angst vorm Wolf“ in den USA nicht so ausgeprägt ist wie bei uns. Vielleicht gehen auch die Amis einfach nur entspannter mit großen Beutegreifern um. Was nicht heißen soll, dass es dort keine Wolfshasser gibt, denn die sind extrem und knallen alles ab, was ihnen vor die Flinte kommt.

Und ansonsten? Ich genieße es, zwischen zwei Welten zu leben und hole mir das Beste aus beiden. So bin ich z.B. sehr dankbar für unser soziales System mit Krankenkasse etc. In den USA möchte ich nicht alt und krank werden. Ich liebe die Weite der Natur (außerhalb der Großstädte) und die fast kindliche Freundlichkeit der Amis. Ach ja – und ich genieße das deutsche Brot und den Käse.

Wolfsmonitor: Mal eine Frage zu einem konkreten Ereignis: Zuletzt gab es in der Region Cuxhaven vermeintliche Übergriffe des Cuxhavener Wolfsrudels auf Kälber und Jungrinder. Was wäre Ihrer Erfahrung nach eine angemessene professionelle Reaktion darauf?

Meine erste Frage ist immer: War es überhaupt ein Wolf? Die Medien bauschen ja gerne etwas auf, bevor es überhaupt bestätigt ist. Soweit ich informiert bin, ist die Auswertung der DNA-Proben noch nicht abgeschlossen. Eine Bestätigung, dass diese Nutztierrisse auf das Konto eines Wolfs gehen, steht noch aus. Darum sage ich eigentlich ungern etwas, bevor es keine Gewissheit gibt.

Als Nächstes müsste ich wissen, welche Schutzmaßnahmen der betroffene Nutztierbesitzer ergriffen hat. Wenn bekannt ist, dass in diesem Gebiet Wölfe leben, dann sollte man grundsätzlich keine hoch trächtigen Kühe oder frisch geborene Kälber OHNE Schutz allein lassen. Das wäre so, als würde der Bauer die Wölfe „füttern“. Die Frage ist also, ab wann wurden Schutzmaßnahmen eingesetzt und welche. Ein einmaliger Angriff kann vielleicht noch erklärt werden. Wenn es aber „immer wieder“ vorkommt, dann hat der Halter der Rinder offensichtlich nichts unternommen, um seine Tiere vor weiteren Angriffen zu schützen.

In den lokalen Medien steht (sofern man den Medien glauben kann), dass es im Elektrozaun „eine Lücke mit größeren Abständen“ gegeben habe und versucht wurde, den Zaun „wolfssicher mit zusätzlichen Drähten und Strom zu verstärken. Offensichtlich mit geringem Erfolg.“ Ja, ganz offensichtlich. Es reicht nicht, einfach nur mit Drähten und Strom zu verstärken. Vielmehr müssen echte wolfssichere Zäune her wie beispielsweise hier demonstriert: https://www.youtube.com/watch?v=VEkweQts3Hg

Der Wolf ist intelligent und nutzt jede Gelegenheit, um an Futter zu kommen. Eine Lücke im Zaun? Prima. Die finden wir und da gehen wir doch durch! Leider leider geht es im Wolfsgebiet nicht ohne Schutzmaßnahmen. Und damit meine ich Elektrozaun UND Herdenschutzhund. Jede Nachlässigkeit wird bestraft.

Dort, wo es Wölfe gibt, müssen die Tierhalter aufrüsten. Punktum. Ich weiß, dass das teuer ist und Mühe macht, aber den Wolf gibt es nicht für lau. Und dass Herdenschutzmaßnahmen wie Elektrozäune und Herdenschutzhunde wirken, sollte ja inzwischen überall bekannt sein. In unserem neuen Buch, das 2017 auf den Markt kommt, wird dies ein großes Thema sein.

Elli Radinger, vielen Dank für das Interview!


Mehr über Elli H. Radinger gibt es auf Ihrer Webseite www.elli-radinger.de zu entdecken: hier der Link! Das Wolf Magazin erscheint als kostenloser monatlicher Newsletter und kann hier abonniert werden: http://www.wolfmagazin.de/wolf-info/newsletter-wolf-und-hund.html

Fotocopyright des Beitragsfotos (oben rechts): tanja.askani@fishing4

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