Leserkritik: „Olle Kamellen“ für Ahnungslose…

„Ihre Tochter ist vier und darf seit dem Sommer nicht mehr allein zu den Großeltern laufen, die am anderen Ende des Grundstücks leben.“ So schrieb gestern „Welt am Sonntag“-Redakteurin Wiebke Hollersen in ihrem Beitrag „Der Wolf und die Ahnungslosen“ – ein Artikel, der mich wohl nur zufällig an das Märchen der Gebrüder Grimm erinnerte.

Demzufolge ist es die Angst vor dem Wolf, die das Töchterchen an dem Besuch der Großmutter hindert. Oder besser gesagt, vor einem Rudel Wölfe in der Nachbarschaft.

Vom Naturschutzbund Deutschland ist allerdings nichts zu lesen, obwohl der NABU – so sein Kürzel – schon länger behauptet, dass „Rotkäppchen lügt“. Doch diese Anmerkung wäre vermutlich zu durchsichtig und für die junge Wissenschaftsredakteurin einfach zu unschicklich gewesen, vermute ich.

Und so durfte man sich am Frühstückstisch einige Leseminuten lang mit den Ängsten und Bedenken befassen, die einige Niedersachsen wegen des Wolfes so beschäftigen.

Die zu Wort kommenden Forscher sehen in den Wölfen offenbar jedoch vor allem eins: Faszinierende Tiere, über die man eigentlich noch viel zu wenig weiß.

Aber sind Wölfe nun eigentlich gefährlich? – für Frau Hollersen die Frage aller Fragen.
Die Antwort entnimmt sie der so genannten NINA-Studie: „Wölfe sollten sich keinesfalls an Menschen gewöhnen, nicht gefüttert werden und gut überwacht. Solange es genug Wild und keine Tollwut gebe, sei die Gefahr für Menschen „sehr gering“, zitiert sie die Studie.

Der Artikel betont für meinen Geschmack allerdings etwas zu deutlich – weil zu wenig ausgewogen – den Blick in das (ängstliche) Seelenleben mancher mehr oder weniger Betroffenen, die dann allerdings ihren Namen nicht gedruckt sehen wollen.

Ein Phänomen, das man zuletzt immer häufiger in Beiträgen über den Wolf findet. Es verpasst den Artikeln zwar einerseits einen irgendwie geheimnisvollen Anstrich, suggeriert andererseits aber, dass es seine Berechtigung hat, vor „Naturschützern“ ebensolche Angst zu haben wie vor Wölfen.

Frau Hollersen scheint außerdem für ihren Einstieg ins Thema von einer Story inspiriert worden zu sein, die bereits kürzlich im Wochenblatt „LAND & Forst“ veröffentlicht wurde.

Wolfsmonitor beanstandete diese Story bereits vor gut einer Woche wegen ihrer vergleichsweise ebenso einseitigen Sichtweise (hier) und führte deshalb zur Versachlichung ein Interview mit dem dort zuständigen Wolfsberater Uwe Martens (hier).

Beide Storys, der gestrige Einstieg in den Artikel und der Wochenblattbeitrag klingen verwandt, nur mit dem Unterschied, dass jemand anders sie erzählt.

Im Übrigen entnimmt der informierte Leser aus Wiebke Hollersens Artikel leider kaum etwas Neues oder Spannendes! Nicht mal ein Blick `gen Osten wird gewagt, wo Wölfe und Menschen schon seit über einem Jahrzehnt ziemlich entspannt nebeneinander herleben. Wenn doch gestern wenigstens einige polarisierende Fakten zu lesen gewesen wären!

Zum Beispiel, dass die Frau mit Kinderwagen und Hund aus Brehloh, der ein Wolf gefolgt sein soll, die Gattin eines lokalen CDU-Politikers ist. Oder dass der Redakteur, der den vermeintlich tendenziösen Artikel für das Wochenblatt „LAND & Forst“ schrieb, auch als „Öffentlichkeitsarbeiter“ einer Jagdorganisation aktiv ist.

Solche kleinen zusätzlichen Hintergrundinformationen hätten dem gestrigen Beitrag vielleicht etwas mehr Würze verliehen.

Aber spielen derartige Nebensächlichkeiten überhaupt irgendeine Rolle?

Wenn man die Diskussion und die jeweiligen Positionen in Niedersachsen verfolgt, sind sie zumindest aufschlussreich. Letztlich bleibt es jedoch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser überlassen, ob Sie diesen Informationen irgendeine Bedeutung zuweisen……

Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler

(Quelle/Verweis: „Welt am Sonntag“ vom 21.02.2016, Artikel „Der Wolf und die Ahnungslosen“ von Wiebke Hollersen, abgerufen am 22.02.2016, hier der Link zum Originalartikel!)

 

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