Warum Wölfe? Ein philosophischer Erklärungsansatz!

Warum brauchen wir eigentlich Wölfe, obwohl wir in Deutschland rund 150 Jahre ganz gut ohne diese großen Beutegreifer ausgekommen sind?

Diese Frage steht immer mal wieder im Raum.

Nicht wenige empfinden die Wolfsrückkehr in das Land der Dichter und Denker dann auch als kulturhistorischen Unsinn. Sie argumentieren, unsere Vorfahren hätten schon gewusst, warum sie ihn seinerzeit beseitigten.

Mit dieser Begründung kommt man jedoch bei der Suche nach einem potenziellen tieferliegenden Sinn ebenso wenig weiter, wie beim gänzlich unkritischen Applaus einiger Hardcore-Wolfsfanatiker.

Man kann sich der Antwort, warum wir Wölfe brauchen, von mehreren Seiten annähern, zum Beispiel mit biologischen, artenschutzrechtlichen oder sogar theologischen Argumenten. Der folgende Erklärungsansatz ist jedoch philosophischer Natur und daher auch nicht unbedingt leicht verdaulich.

Wir wissen heute dank der modernen Hirnforschung viel mehr über das den Menschen vergleichbare Gefühlsleben hochentwickelter Vierbeiner als früher und müssen daher davon ausgehen, dass hochentwickelte Säugetiere über ähnliche Gefühlsregungen wie Menschen verfügen (für z.B. Hundehalter keine überraschende Erkenntnis).

Man sollte deshalb die deterministische Langzeitwirkung dieses Wissens, die ihren Ausdruck in neuartigen gesellschaftlichen Strömungen findet, auch nicht unterschätzen und beispielsweise den zunehmenden Fleischverzicht in der Bevölkerung oder auch die steigende Zahl von Befürwortern eines umfassenderen Tierschutzgedankens ernster nehmen als bisher.

Man darf mit Fug und Recht annehmen, dass diese ideologisch anmutenden „Zeitgeisterscheinungen“ nicht kurzfristiger Art sein werden, sondern einen dauerhaften und sogar gesellschaftsverändernden Einfluss auf die Lebensanschauung der nachfolgenden Generationen haben wird.

Immer mehr Menschen bemängeln zudem, dass die Jahrhunderte überdauernde Ethikkonzeption des Philosophen Immanuel Kant, die er in seiner „Metaphysik der Sitten“ beschrieb und die bis heute sowohl die Ethikdiskussion als auch die Rechtsdogmatik hierzulande maßgeblich beeinflusst, gerade in der Abgrenzung zur Natur ihre Grenzen findet und von einem Menschen stammt, der bekanntlich selbst nur wenig Nähe zur Natur aufzuweisen hatte.

Nicht zuletzt deshalb war kürzlich ein breites gesellschaftliches Entsetzen über ein Gerichtsurteil zu vernehmen, weil es das „Schreddern“ männlicher Küken auch weiterhin erlaubt.

Kurzum: Wölfe werden zum umstrittenen Symbol für die Notwendigkeit, unser ethisches Koordinatensystem und unsere gesellschaftliche Haltung zur Natur in vielen Punkten zu überdenken und neu zu ordnen. Und gerade weil Wölfe nahezu niemanden kalt lassen, sind sie dafür wie geschaffen.

Der Wolf ist also für viele Menschen das Symbol für einen notwendig empfundenen Wandel!

Andere wiederum fürchten genau diesen Wandel und deshalb auch sein Symbol. Sie bevorzugen das „weiter wie bisher“ und fordern zumeist die frühzeitige „Kontrolle der Wölfe“ in dem Wissen, dass der notwendige Wandel ihnen den einen oder anderen Strich sowohl durch ihre Planung als auch durch ihre Rechnung machen könnte.

Durch seine selbstständige Rückkehr zwingt uns der Wolf dann schlussendlich auch noch selbst den Zeitpunkt dieser Diskussion über den notwendigen Wandel auf und ruft damit die alte Einsicht des dänischen Philosophen Kierkegaard in Erinnerung, dass das Leben vorwärts gelebt aber erst rückwärts verstanden wird.

Kierkegaards Erkenntnis dürfte auch und insbesondere für unser neues Zusammenleben mit den Wölfen gelten!

(Fortsetzung folgt…)

 

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