Brigitte Sommer: In Sachsen soll ein ganzes Wolfsrudel erschossen werden

Sind die Nutztiere im Brennpunkt Cunnewitz wirklich geschützt?

Seit der Jahrtausendwende gibt es in Deutschland wieder Wölfe. Gerade die Region um Bautzen gehört zu den am frühesten besiedelten Gebieten. Man sollte eigentlich meinen, dass Tierhalter und Schäfer dort viel Erfahrung im Schutz ihrer Tiere vor Wölfen haben. Ist das wirklich so?

Wir sind eine kleine Gruppe von Menschen, die sich im Wolfsschutz engagieren. Zwei Mitglieder sind in das Gebiet des Rosenthaler Rudels gefahren, und sie haben sich die Lage vor Ort in Cunnewitz einmal angesehen.

Laut Angaben des Wolfsbüros wurden am 06.11.2016 in Cunnewitz (Landkreis Bautzen), im Territorium des Rosenthaler Rudels, sieben Schafe getötet und ein Schaf verletzt. Der betroffene Schafhalter soll bereits am 05.10. und 06.10.2016 insgesamt 32 Schafe bei Wolfsübergriffen verloren haben.

In den beiden vorhergehen Fällen soll der Wolf ca. 1,40 m hohe Festzäune überwunden haben, im aktuellen Fall soll ein 1,35-1,50 Meter hoher Festzaun aus Knotengeflecht überwunden worden sein. Über diesen soll an einer Seite des Zaunes, auf dem obersten Draht aufliegend, eine Breitbandlitze gespannt gewesen sein.

Unklar sei, auf welcher Seite der Zaun überwunden worden ist. In diesem Jahr wurden dem Wolfsbüro elf Übergriffe gemeldet. In acht Fällen sollen Festkoppeln überwunden worden sein.

Der Bautzener Landrat Harig will nun das ganze Rudel loswerden und fordert seinen Abschuss. Nun stellt sich uns die Frage: Wie gesichert sind die Tiere dort, wenn weder Wolfsberater noch andere offizielle Personen vor Ort sind?

Wir fanden am 12. November 2016 ein offenstehendes Gatter. Der Schäfer befand sich im hinteren Bereich der Weide. Ein klassisches Flatterband, das zwanzig Zentimeter über dem Zaun gespannt sein soll sowie mit zusätzlichen rotweißgestreiften Bändern versehen sein sollte, war auf keiner Weide zu sehen.

Dafür aber ein Tor, das nur eine Höhe von etwas mehr als einen Meter (Foto) aufweist, sowie einen Kasten vor der Weide, der einem Wolf sogar als Übersprunghilfe dienen könnte. Zudem kann ein Wolf leicht durch die Zwischenräume dieses Tores durchgelangen.

Das Tor der Weide (Foto: privat)
Das Tor der Weide (Foto: privat)

Weder waren die Zäune mit einem Untergrabungsschutz gesichert, noch führte der mit „Elektro“ gekennzeichnete Zaun, tatsächlich Strom. Durch Anfassen ist das ganz leicht festzustellen. Zudem hing einer der Aufstellzäune derart in Schräglage, dass er umzukippen drohte.

Dies alles führt nun unwillkürlich zur Frage: warum macht es ein Schäfer dem Wolf so leicht?

Das Kontaktbüro Lausitz hat bestätigt, dass Schadensersatzansprüche rechtens sind. Die Differenz zwischen dem, was der Freistatt bezahlt und dem tatsächlichen Verlust will die Gesellschaft zum Schutz der Wölfe sogar drauflegen.

Doch sind die Mindestvorgaben des Staates überhaupt ausreichend? Der Freistaat schreibt lediglich eine Höhe von 1,20 Metern vor. Elektrozäune müssen sogar nur 90 Zentimeter hoch sein.

Warum erfüllen Schäfer nicht mehr als genau die offiziell geforderten „Mindestvorgaben“ selbst dann, wenn sie bereits mehrfach Opfer von Wolfsübergriffen geworden sind?

Denn so wird der Diskussionsstoff geliefert, der die behördlichen Herdenschutzempfehlungen ungeeignet erscheinen lässt. Die Folge sind Forderungen wie die des Bautzener Landrats.

Fakt ist, dass sich die Wölfe vor Ort geradezu eingeladen fühlen könnten.

Geht man ein Stück des Weges entlang, grasen Ziegen auf einer Weide, die ebenfalls nicht ausreichend gesichert scheinen, gleich gegenüber einer Gruppe Damwild, deren Zaun genauso nachlässig aussieht.

Zwei angebotene Herdenschutzhunde soll der Schäfer übrigens abgelehnt haben. Stattdessen ist ein hochwertiges, nicht gerade günstig erscheinendes Schild aufgestellt, das auf die Risse im vergangenen Jahr hinweist. Wäre eine Investition in einen besseren Schutz für seine Schafe nicht sinnvoller?

Schild in Cunnewitz (Foto: privat)
Schild in Cunnewitz (Foto: privat)

Brigitte Sommer

Zur Gastautorin:

Brigitte Sommer ist freie Journalistin und frei Fotografin, früher im Bereich Geopolitik tätig, arbeitet sie heute schwerpunktmäßig für Frauen- und Peoplemagazine. Für Wölfe hat sie bereits seit ihrer Kindheit ein Faible. Ihre Großmutter war Waldarbeiterin. Sie hat ihr die Natur schon als kleines Kind nahegebracht. Vor zehn Jahren hatte Brigitte Sommer das große Glück, Polarwolfswelpen ein Jahr lang im Gehege beim Aufwachsen mit der Kamera zu begleiten. Die Wölfe in Deutschland kommen ihrer Meinung nach leider immer mehr in eine prekäre Lage, weil diverse Interessensgruppen mobil gegen die Beutegreifer machen. Diese haben derartig gute Kontakte zu den Medien, dass kaum noch ausgewogene Artikel in Tageszeitungen zu finden sind. Deshalb gründete sie eine Wolfschutzgruppe und wählte diesen Weg.

 

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