Schießen? Sofort Schießen?

In den sozialen Medien sorgte am Wochenende ein in der „taz“* unter der Überschrift „Schießen! Sofort Schießen!“ veröffentlichtes Interview mit dem Geschäftsführer des Bauernbundes in Brandenburg für Aufregung (hier der Link).


Kommentar:


Reinhard Jung ist Medienprofi. So sollte man meinen. Ein Blick auf seine Webseite offenbart zumindest, dass er bereits über einige Erfahrungen in diesem Metier verfügt (hier der Link). Trotzdem lässt er den Leser eher erraten, ob er dieses Interview als „Privatperson“ oder als Geschäftsführer des „Bauernbundes Brandenburg“, der sich übrigens als „christlich, konservativ und heimatverbunden bezeichnet und rund 400 bäuerliche Familienbetriebe repräsentiert, gegeben hat. Der Interviewte klingt, als gebe er seine persönliche Meinung von sich, das Interview selbst wird jedoch unter der Überschrift seines Verbandes veröffentlicht.


Bedenklicher sind jedoch die Inhalte, die dieser Funktionär absondert. Vor dem Hintergrund bereits mehrerer in Brandenburg erschossener Wölfe (hier ein rbb-Link dazu), scheint hier nun einer zu Wort gekommen zu sein, der zumindest Sympathien für derartige gesetzeswidrige Handlungen erkennen lässt. Damit schadet er jedoch nicht nur seinem persönlichem Ansehen sondern letztlich der gesamten Bauernschaft. Es wäre deshalb verwunderlich, nein nahezu unverständlich, wenn dieses Interview keinen Widerspruch aus den eigenen Reihen hervorrufen würde.


Das Thema Herdenschutz ist ein zu ernstes Thema, um es auf diesem Niveau zu diskutieren. Es scheint jedoch so, als würde viel zu häufig die Sachkenntnis für eine ernsthafte Diskussion fehlen. Die Folge: Die Spitzenfunktionäre der Verbände – häufig selbst Ahnungslos in der Sache – lehnen wie so oft in der Vergangenheit erst einmal pauschal alles ab oder lassen sich später teuer bezahlen, was eine gewisse Anpassungsbereitschaft ihrer vermeintlich „Schutzbefohlenen“ erfordert.


Ich habe bereits in der letzten Woche einige Worte über den Präsidenten der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN), Breido Graf zu Rantzau, verloren, der sich ebenfalls seinen Verbandsmitgliedern gegenüber als unkundig in Punkto Wolf outete (hier der Link).


Einen Kommentar zur Pressemeldung vom Deutschen Bauernverband (DBV) im Vorfeld des „Runden Tisches Wolf“ wollte ich mir eigentlich ersparen, gilt hierfür doch ebenfalls das bereits Gesagte. Allein die Feststellung: „Nicht akzeptabel seien Forderungen, nach denen sich die Nutztierhaltung auf der Weide den neuen Gegebenheiten anzupassen habe“ in dieser Pressemeldung, die übrigens erst wenige Stunden vor der Veranstaltung veröffentlicht wurde (hier der Link) und die sich anschließende Mahnung: „Die Bedürfnisse und Sorgen der Landwirte und Grundeigentümer sowie der gesamten Bevölkerung im ländlichen Raum dürfen und können nicht weiter ignoriert werden“ offenbaren eindeutig, dass die Verbandsspitzen selbst ignorieren, was sich bereits in den vergangenen Jahren in einzelnen Bundesländern zum Positiven entwickelt hat. Denn – ich wiederhole mich – es gibt genügend gute Beispiele von Nutztierhaltern, die ihre Tiere bereits seit Jahren wirksam vor Wölfen schützen. Ein Blick in diese Richtung ist im Zeitalter des Internets leicht möglich und wäre sicherlich auch für die verhandelnden Verbandsvertreter – im Vorfeld einer solchen öffentlichen Stellungnahme – aufschlussreich gewesen.


Das eigentlich Bedenkliche jedoch ist der Umstand, dass diese Verbände nun am „Runden Tisch“ des Bundesumweltministeriums durchaus Gehör gefunden haben dürften. Dass sie dort jedoch auch auf Akzeptanz trafen, halte ich für nahezu ausgeschlossen. Denn wer auf einer fachlich so „dünnen“ Basis argumentiert, muss sich vorwerfen lassen, die Sache nicht ausreichend ernst zu nehmen und mit populistischen Mitteln Stimmung gegen den Wolf machen zu wollen.


Der einzelne Bauer oder Pferdehalter jedoch erhält durch die „Sprechblasen“ seiner Verbandspitzen nun erneut eine gute Gelegenheit, zu überprüfen, ob er von diesen Funktionären wirklich so angemessen vertreten wird, wie es ihm eigentlich zustehen dürfte.


Mich ärgert es, dass ich mich auf Wolfsmonitor immer wieder mit einer solchen Unprofessionalität auseinandersetzen muss und diesen Personen damit sogar ein weiteres Forum biete, ihre zweifelhaften Botschaften zu verbreiten. Es ist für mich andererseits jedoch auch eine gefühlte Pflichtaufgabe, deutlich klar zu machen, dass nicht alle Nutztierhalter so denken, wie einzelne Verbandsvertreter es erscheinen lassen (wollen?).


Es gibt viele gute Beispiele von Landwirten, Schäfern und Bauern, die der Rückkehr der Wölfe aufgeschlossen und konstruktiv gegenüberstehen. Man würde sich wünschen, dass einige Journalisten und Redakteure sich einmal – statt einer schnellen Schlagzeile hinterherzujagen – diesen vorbildlichen Beispielen ausgiebig widmen und dann entsprechend würdigen!


Herzlichst
Ihr
Jürgen Vogler

(*taz Verlags u. Vertriebs GmbH, Berlin)

Kommentar verfassen