(K)Ein Platz für Wölfe in Niedersachsen? – 3 tägige Fachtagung in Loccum

Was passiert eigentlich, wenn man etwa 70 Nutztierhalter, Jäger, Naturschützer, Wissenschaftler, Schäfer, Wolfsberater, Bauern und Wolfsexperten mit einigen für das Wolfsmanagement verantwortlichen Personen drei Tage lang an einem Ort versammelt, der seit Jahrzehnten dafür bekannt ist, dass dort bereits viele gesellschaftlich umstrittene Themen zu lösbaren Kompromissen geführt wurden?

Richtig, es finden sich tatsächlich Lösungsansätze, die realistisch erscheinen! Darüber hinaus dürfte sich an diesem Wochenende bei vielen Teilnehmern trotz der verschiedenen Interessenlagen das Gefühl entwickelt haben, beim Wolf nicht vor einer unlösbaren Aufgabe zu stehen!

Respekt!

Vor allem, weil der auf dem Einladungsflyer verkündete Anspruch, gerade auf dieser Tagung gute Regeln für ein Zusammenleben von Wolf und Mensch „aushandeln“ zu wollen, dem einen oder anderen, der sich bereits länger mit der Materie beschäftigt, ein müdes Lächeln aufs Gesicht gezaubert haben dürfte.

Und doch: Es ist aus meiner Sicht tatsächlich gelungen, umsetzbaren Kompromissvorschlägen sehr nahe zu kommen.

Und möchten Sie, liebe Leserinnen und Leser, wissen, woran das aus meiner Sicht lag?

An einer sehr guten Veranstaltungskonzeption mit fachkundigen Referenten und einer Moderatorin, die höchst professionell und engagiert auch jeden unsachlichen und emotionalen Diskussionsbeitrag gekonnt in die „Spur zurücklenkte“. Kurzum, besonders die Tagungsleiterin Dr. Monika C.M. Müller hat aus meiner Sicht einen großen Anteil am Erfolg dieser Tagung.

Aber was wurde nun eigentlich am letzten Wochenende in der Evangelischen Akademie in Loccum verhandelt und bearbeitet?

Auf der Tagung „(K)Ein Platz für wilde Tiere? Wolf & Co.“ ging es um die Fragen, was das rechte Maß beim Schutz des Wolfes ist, welche Rolle ökonomische Fakten dabei spielen und darum, wie sachlich und öffentlich der Umgang mit dem Wolf auszuhandeln ist.

Fachkundige Teilnehmer (Foto: Vogler)
Fachkundige Teilnehmer (von links): Markus Bathen, NABU, Frank Fass (Wolfcenter Dörverden) Konstantin Knorr (Wolfsbüro Niedersachsen) und Eckhard Fuhr (Kulturkorrespondent DIE WELT und Autor des Buches „Rückkehr der Wölfe“) (Foto: Vogler)

Diese Fragen wurden in mehreren Arbeitsgruppen bearbeitet und schließlich beantwortet.

Ich werde nun versuchen, die wesentlichen Ergebnisse (wie ich sie verstanden habe) kurz darzulegen. Das kann mir hier in aller Kürze jedoch nur stichwortartig und lückenhaft gelingen. Die vollständigen Ergebnisse werden einen ganzen Tagungsband füllen. Ich versuche es hier nun in Form einer Aufzählung:

  • Die Frage, ob der Wolf jetzt oder in Zukunft ins Jagdrecht gehört, war sehr schnell beantwortet: NEIN! Selbst die anwesenden Jäger unterstützten diese Ansicht.

  • Für etwaige verhaltensauffällige Wölfe braucht es eine „kleine Lösung“. Einige besonders ausgebildete Fachleute (wie z.B. die Wildhüter in der Schweiz) sollten sich darum kümmern. Und zwar unter Sicherstellung der lokalen Handlungsfähigkeit, also ohne lange administrative Entscheidungsprozesse.

  • Die Idee der wolfsfreien Gebiete, wie z.B. in Steillagen oder auch bei Deichen in Deutschland, ist nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch unrealistisch.

  • Die Weidetierhalter, insbesondere die Schafhalter, sind besonders wichtige „Ökosystemdienstleister“ für den Artenschutz. Zurzeit leiden sie aber unter einer Menge Herausforderungen (z.B. Düngeverordnung, Flächenpreise, bürokratische Auflagen). Es sieht nun einerseits für viele von ihnen so aus, als bringe der Wolf jetzt „das Fass zum Überlaufen“, andererseits sorgen aber gerade die Wölfe dafür, dass die Schäfer eine öffentliche Aufmerksamkeit für ihre Probleme erfahren, wie selten zuvor. Und zwar auch für die anderen Probleme.

  • Die Ungewissheit, wo sich am Ende wie viele Wölfe ansiedeln, sorgt in Teilen der Bevölkerung für Unsicherheit.

  • Es sollte in Niedersachsen ein Weg gefunden werden, auch die Hobbyhaltung – ähnlich wie in Sachsen – bei der Prävention, dem Schadensausgleich zu unterstützen.

  • Der ehrliche und verantwortliche Umgang der Interessensgruppen untereinander ist zur Aufrechterhaltung einer Vertrauenskultur unumgänglich.

Zur abschließenden Diskussion waren der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel, der Sprecher der Grünen im niedersächsischen Landtag für Agrarpolitik, Naturschutz, Forstwirtschaft, Fischerei und Raumordnung, Hans-Joachim Janßen sowie Ernst-Ingolf-Angermann (MDL und Mitglied für die CDU im Umweltausschuss) angereist. Ein Auszug der Wortbeiträge:

  • „Wir geben für den Schadensausgleich der Wildgänse in Niedersachsen mehr als 300-mal so viel aus, wie für den von Wölfen.“ (Minister Wenzel)

  • „100 Millionen-Euro, so besagt es der letzte Waldbericht, kostet allein die Zäunung der Forstkulturen für den Verbissschutz.“ (Minister Wenzel)

  • „Die derzeitige Entwicklung in der Landwirtschaft ist nicht Folge des Wolfes, sondern Folge einer verfehlten Landwirtschaftspolitik, eine grundsätzliche Frage lautet deshalb: Werden eigentlich die Richtigen gefördert?“ (Minister Wenzel)

  • „Die „De-minimis“- Änderung, also die Aufstockungsmöglichkeit von Ausgleichzahlungen auf 30.000 Euro pro Jahr für Tierhalter, befindet sich zurzeit in der „Ressortabstimmung.“ (Minister Wenzel)

Abschlussdiskussion (Foto: Vogler)
Die Abschlussdiskussion führten (von links): Hans-Joachim Janßen (MDL), Joachim Rehse (Landesschafzuchtverband Weser-Ems), Umweltminister Stefan Wenzel,Tagungsleiterin Dr. Monika C.M. Müller, Ernst-Ingolf-Angermann (MDL) und Markus Bathen (NABU) (Foto: Vogler)
  • „Unsere Aufgabe muss es sein, dafür zu sorgen, dass die Tiere weiter auf der Weide stehen können und nicht in die Ställe verbannt werden.“ (Ernst Ingolf-Angermann, MDL)

  • „Wir sollten uns bereits jetzt Gedanken darüber machen, was wir tun sollten, wenn der gute Erhaltungszustand bei den Wolfen erreicht wird.“ (Ernst Ingolf-Angermann, MDL)

  • „Erst wenn die Wölfe alle möglichen Gebiete besetzt haben, die möglich sind, brauchen wir über mögliche Regulierungsmaßnahmen nachzudenken.“ (Hans-Joachim Janßen, MDL)

  • „Nicht wenige der auch auf dieser Tagung vorgebrachten Argumente hören wir bereits seit 10 bis 15 Jahren. Abermals wird deutlich: der Wille ist da! Wann aber beginnen wir endlich mit der praktischen Umsetzung?“ (Markus Bathen, NABU)

    „Auch die Landwirtschaftsministerien beim Bund und den Ländern sollten beim Thema Wolf stärker mit in die Verantwortung genommen werden.“ (Markus Bathen, NABU)


  • „Wir brauchen die schnelle konstruktive Zusammenarbeit. Nicht wenige der Schäfer werden ungehalten, weil sie nicht die Zeit haben, auf langwierige Lösungen zu warten.“ (Joachim Rhese, Landesschafzuchtverband Weser/Ems)


  • „Die Förderung der Landwirtschaft kommt ja auch der Bevölkerung zugute.“ (Joachim Rhese, Landesschafzuchtverband Weser/Ems)


Es war übrigens Frank Fass, der schon zu Beginn der Tagung in seinem Vortrag die Vermutung äußerte, dass gerade der Wolf nicht selten als Projektionsfläche für tieferliegende Fragestellungen herhalten muss.

Die Abschlussdiskussion – so wirkte sie auf mich – bestätigte ihn, denn am Ende wurde zwar immer noch über die Weidetierhaltung, die Landwirtschafts- und Subventionspolitik sowie den Artenschutz diskutiert, der Wolf spielte dabei als Randfigur jedoch nur noch eine untergeordnete Rolle…


Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler


Quelle: Evangelische Akademie Loccum, www. loccum.de: Tagung vom 18. bis 20. November 2016: „(K)Ein Platz für wilde Tiere? Wolf & Co.“, abgerufen am 21.11.2016, hier der Link!

 

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