Zeit zum Vergrämen!

Stellungnahmen, Einschätzungen und Ratschläge, wohin man auch schaut. Die niedersächsischen Wölfe sorgen erneut für breite Unruhe.
Eigentlich sind es zurzeit nur zwei, die so genannte „Goldenstedter Wölfin“ und ein besenderter Jungwolf aus dem Munsteraner Rudel, von Wolfsschützern im Internet liebevoll „Kurti“ genannt. Beide sind angeblich „auffällige“ Wölfe, bzw. „Problemwölfe“. Angeblich.

Wegen „Kurti“ wurde nun erstmals der Ernstfall ausgerufen. Der niedersächsische Umweltminister Stefan Wenzel lässt die so genannte „Entnahme“ des Munsteraner Jungwolfs vorbereiten. Jedoch nur für den Fall, dass „mildere Mittel“ wie zum Beispiel Vergrämungsmaßnahmen nicht greifen.

Bereits am heutigen Samstag treffen sich einige Experten, um über die nächsten angemessenen Schritte zu beraten. Wird das eine „Krisensitzung“? …oder eher eine politische Dringlichkeitssitzung? Egal, denn eigentlich dürfte sie weder das eine noch das andere sein. Warum? Das werde ich versuchen in den nächsten Zeilen zu erläutern.

„Kurti“

Ich bitte Sie als Leser an dieser Stelle – soweit Sie nicht im Bilde sind – sich hier auf Wolfsmonitor die vorherigen Beiträge dieser Woche einmal etwas genauer anzusehen, um sich zumindest ein halbwegs vollständiges Bild von der derzeitigen Lage zu machen. Mir persönlich fehlen eigentlich auch noch einige Informationen, um mir ein lückenloses Bild machen zu können. Ich versuche es trotzdem einmal.

Hunde – so sagen es einige Experten – sind für viele Wölfe entweder Konkurrenten, mögliche Nahrung oder bei ansonsten mangelnder Gelegenheit sogar potenzielle Partner. Hat sich „Kurti“ demnach bei den Wolf-Mensch-Begegnungen vielleicht überhaupt nicht für den jeweiligen Menschen sondern allein für deren Hunde interessiert?

Mal angenommen, der Jungwolf „Kurti“ befindet sich zurzeit – wie alle erwachsenen Wölfe – in der Ranz. Abgesehen davon, dass Jungwölfe manchmal neugieriger, unbefangener und deshalb mutiger sind als ältere Tiere (Günther Bloch bezeichnet sie deshalb auch treffend als „Schnösel“) könnte das Verhalten des jungen Wolfes „Kurti“ in Wardböhmen ebenso wie in Brehloh letztlich auf seine derzeitige hormonelle Situation zurückzuführen sein. Es ist also zu vermuten, dass er sich in diesen beiden Fällen deshalb den jeweiligen Hunden, nicht den Menschen aktiv genähert haben könnte.

Die unbefangene „Schnöseligkeit“ übrigens verliert sich gewöhnlich mit zunehmendem Alter der Wölfe. Die Ranz endet üblicherweise spätestens im März.

Was trotzdem aufhorchen lässt, sind die Erkenntnisse Mark McNays aus Nordamerika. In einer Studie, die Sie sich auf Wolfsmonitor herunterladen können (hier!), beschreibt er 80 von ihm untersuchte Wolf-Mensch-Begegnungen.

Eine Erkenntnis aus dieser Studie ist die, dass wiederholte und für den Wolf konsequenzlose Wolf- Mensch-Begegnungen durchaus zu einem Habituierungseffekt beim Wolf führen können, ein Umstand, der dann zukünftig nicht ungefährlich bleiben muss.

Bisher hat „Kurti“ zwar bei den Begegnungen keinerlei Aggression gegenüber den Menschen gezeigt. Seine nächsten Begegnungen mit Menschen sollten jedoch im Idealfall möglichst unangenehm für ihn werden und bestenfalls vergrämende Wirkung haben.

Goldenstedter Wölfin

Fast untergegangen in dem ganzen Medienrummel der letzten Tage um „Kurti“ ist ein 61- seitiger Bericht, den 9 Wolfsberater aus dem Streifgebiet der so genannten Goldenstedter Wölfin unter der Federführung von Frank Fass jetzt vorgelegt haben.

Und der Bericht ist beeindruckend professionell verfasst. Sauber aufgelistet wurden dort alle Vorfälle aus der betroffenen Region seit dem 2. November 2014.
In 37 Fällen steht ein Wolf als Verursacher von Nutztierrissen fest, 16 Fälle sind noch nicht abschließend bewertet, bei weiteren 7 Übergriffen war der Verursacher kein Wolf, ein Fall ist unklar.

In der Einleitung ist zu lesen: „Dieser Bericht gibt bewusst keine Handlungsempfehlungen ab, wie der Konflikt im Umgang mit dem Verursacher oder den Verursachern der Übergriffe gelöst werden soll.“ (Link!) Und tatsächlich, davon ist auf den folgenden Seiten nichts zu lesen.

Die Autoren konnten allerdings auch darauf verzichten. Denn bereits vorher, Mitte Dezember 2015, äußerte sich der federführende Frank Fass gegenüber der Presse und auf der Webseite seines Wolfcenters in Dörverden ziemlich eindeutig: Aus seiner Sicht …„bleibt (leider) wohl nur nach Abwägung aller hier im Vorfeld dargestellten Möglichkeiten die letale Entnahme des bestimmten Wolfes“.( Link!)

Vor diesem Hintergrund dürfte der Bericht – unabhängig von seiner bemerkenswert guten Qualität – auf viele Leser tatsächlich wie eine nachträgliche Begründung der damaligen Äußerungen wirken. (Wolfsmonitor reagierte bereits damals auf den Vorschlag von Frank Fass (hier der Link!).

Außerdem steht immer noch die (wissenschaftlich) unbewiesene Sichtbeobachtung im Raum, dass in der Region Diepholz/ Vechta mindestens zwei, wenn nicht sogar drei Wölfe gemeinsam umherziehen. Das dürfte die vorgeschriebene gezielte Entnahme aufgrund der schwierigen Identifizierung genau dieser, der Goldenstedter Wölfin – so unangemessen sie für mich immer noch scheint -, ungemein erschweren.

In den sozialen Medien las ich darüber hinaus noch den bemerkenswerten Kommentar, dass es in der Region Diepholz/Vechta keinen Übergriff auf Nutztiere gab, in deren Gesellschaft entweder Herdenschutzhunde oder Herdenschutzesel ihren Dienst taten.

Wolfsabweisende Schutzzäune wurden letztlich nur in insgesamt 4 von 37 Fällen vom Wolf überwunden. In den anderen 33 Fällen wurde der Wolf also praktisch quasi dazu ermuntert, sich aufgrund unzureichender Schutzmaßnahmen bei den Schafen zu bedienen.

Auch mein Interviewpartner dieser Woche, Wolfsberater Uwe Martens, bezog kürzlich auf der Internetseite des „Freundeskreises freilebender Wölfe“ zur Situation in Goldenstedt Stellung (im Wortlaut, Link!):

„Seit 2014 ist bekannt, dass es eine ortstreue Wölfin im Raum Vechta Diepholz gibt, die viele Nutztiere reißt. Obwohl die jetzige Regierung in Niedersachsen Präventionsmaßnahmen fördert, finden sich immer noch viele ungeschützte Schafe in dem Revier der Wölfin.


Die Forderung, die Wölfin als Problemwolf zu entnehmen, ist nicht nachvollziehbar. Sobald die Wölfin nicht mehr da wäre und ihr Territorium dadurch frei werden würde, würde der nächste Wolf kommen und das Angebot der leicht zu erbeutenden Schafe annehmen. Auffällig wäre ein Wolf, der das ungeschützte Schaf ignoriert und sich nicht bedient. Auch wenn die Wölfin sehr viele Nutztiere gerissen hat und sich möglicherweise auf Schafe spezialisiert hat, würde es sich immer wiederholen, solange der Herdenschutz nicht angepasst wird.


Es gibt außerdem einige Hinweise auf einen 2. Wolf. Zu aller erst muss doch der Status der Wölfin geklärt werden: Ob es sich um ein Einzeltier handelt oder ob sich bereits ein Paar gebildet hat. Bei so einem seltenen Tier, wie dem Wolf, ist das für die Arterhaltung von großer Bedeutung.

Das Monitoring funktioniert so nicht richtig. Anstatt auf Wolfsnachweise durch Risse oder andere Meldungen zu warten, muss es in Niedersachsen ein aktives Monitoring geben. Besonders intensiv um das Revier der seit 1,5 Jahren ortstreuen Wölfin. Erstens um gezielt Halter von Nutztieren zu beraten und zweitens natürlich um den Status (Paar oder Einzelgänger) zu erfahren.“

Fazit: Zeit zur Vergrämung!

Umweltminister Wenzel wies bereits im November seine Behörde an, die Goldenstedter Wölfin zu besendern. Geschehen ist meines Wissens seither nichts Sichtbares.

Nun sprach er davon, die „Entnahme“ Kurtis „vorzubereiten“ und eine kurzfristige Entscheidung über das weitere Vorgehen nach Rücksprache mit Experten herbeizuführen. Am heutigen Samstag treffen sich genau diese Experten, um über entsprechende Maßnahmen zu beraten.

Es spricht aus meiner Sicht viel dafür, dass sich die Entscheidung dieser Fachleute an der Empfehlung orientiert, die der NABU gestern in einer Presseerklärung verkündete: Der Naturschutzverband sieht „die Kriterien für eine Vergrämung des Tieres erfüllt“. Entsprechende Maßnahmen „sollten auch zur Anwendung kommen. Mögliche Vergrämungsmethoden sind der Beschuss mit Gummischrot oder anderen nicht tödlichen Geschossen, die dem Wolf unmissverständlich seine Grenzen aufzeigen.“ (Link zur vollständigen Meldung!)

Vielleicht führt das Gespräch heute auch endlich zu der Einsicht, dass man möglichst bald einige operativ agierende Vollprofis – eine runde Handvoll dürften vorerst reichen – für den Fang, die Besenderung und das aktive Schwerpunktmonitoring vermeintlich auffälliger Wölfe in Niedersachsen braucht – und zwar nicht nur ehrenamtlich.

Denn eins ist seit gestern gewiss: Die Landesjägerschaft steht in letzter Konsequenz – also im Falle einer notwendigen letalen Entnahme – vorerst nicht zur Verfügung. Das gab gestern deren Präsident gegenüber dem NDR bekannt. Aber das ist ein anderes Thema….

P.S.: Um „Kurti“ vor dem vermeintlichen Abschuss zu retten, organisierten Wolfschützer nun eine Online-Petition. hier der Link dahin!

Herzlichst

Ihr

Jürgen Vogler

(Anmerkung: Für die Richtigkeit der Angaben und Inhalte der verlinkten Webseiten wird keinerlei Gewähr übernommen)

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